Abenteuer einer Samtpfote

Charlie war ein kleiner grau getigerter Kater mit einer weißen Schnauze, die von Weitem betrachtet, den Eindruck machte, als hätte er sie in einen Becher mit Schlagsahne gestupst. Seine Pfoten waren schwarz und das nicht nur vom Modder und Schmutz, den er magisch anzuziehen schien. Er war äußerst neugierig, was ist ihm schon öfters zum Verhängnis geworden war.
Charlie lebt bei einer Familie mit zwei Kindern am Rande einer großen Stadt. Die vierhundert Quadratmeter Garten sind natürlich sein unangefochtenes Eigentum und er versuchte schon seit geraumer Zeit auch die Nachbargärten für sich zu vereinnahmen. Um allen anderen Katzen ( und Katern ) zu zeigen, wer hier das Sagen hat, macht Charlie regelmäßig Rundgänge durch sein Revier. Auf seinen Streifzügen erlebt er so mancherlei Abenteuer, von denen hier erzählt wird.



Es war an einem Montagmorgen.
Der Vater hatte gerade die Kinder zur Schule gefahren und auch die Mutter war schon längst auf dem Weg zur Arbeit.
Da er von einer hübschen Katzendame aufgehalten worden war, kam er nicht rechtzeitig zum Frühstück nach Hause.
Als er um die Ecke des Hauses bog, schlug der Vater ihm gerade die Tür vor der Nase zu und sagte: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das Wetter ist schön also bleib draußen und wenn du Hunger hast, dann fang dir eine Maus.“
Er konnte schon ganz schön gemein sein.
Aber nun saß er halt draußen vor der Tür und Jammern nützte auch nichts.
Plötzlich gab es ein lautes knurrendes Geräusch ganz in der Nähe.
„Was, es wagt sich jemand in meinen Garten ?“ dachte Charlie bei sich und war auf das Höchste empört. Na er würde dem Eindringling gleich erst einmal zeigen, dass er hier der Herr in Haus und Garten war.
Er duckte sich in das hohe Gras unter dem Wäscheständer und schaute angestrengt unter den kleinen Koniferen durch zu der Stelle, von der er das Geräusch zu hören glaubte.
Da. Schon wieder war es da. Und hatte sich da nicht auch gerade etwas bewegt? Er wollte gerade zum Sprung ansetzen als er das Geräusch nun hinter sich wähnte. Blitzschnell drehte er sich um und sprang geradeswegs ins...
Nichts.
Verdattert hielt er inne und schüttelte sich. Er hätte schwören können, dass hier etwas war. Er überlegte noch, ob er sich vielleicht doch geirrt und der Wind ihm nur einen Streich gespielt hatte, als das Knurren lauter als zuvor wieder zu hören war: Rrrhh,rrrhh.
Charlie sprang fast einen halben Meter aus seiner Sitzposition in die Luft denn das Geräusch kam direkt von der Stelle auf der er gesessen hatte.
Aber so sehr er sich auch Mühe gab alle Ecken und Winkel absuchte und abschnüffelte konnte er keinen Eindringling ausmachen. Ja nicht einmal der Geruch eines fremden Lebewesens war festzustellen.
Und doch war da wieder das Knurren.
Ehe er sich weiter mit dem geheimnisvollen Knurren befassen konnte, bemerkte er eine rundliche ältere Frau, die sich über den Gartenzaun gebeugt hatte. „Na, musst du hier draußen sitzen?“ fragte sie mehr zu sich selber, als zu Charlie.
„Du hast bestimmt Hunger, nicht wahr?“
Und ohne eine Antwort abzuwarten kramte die Frau umständlich in ihrer Tasche und zog ein fettiges Paket hervor dessen Papier wohl früher einmal weiß gewesen war.
Eigentlich war Charlie ja Fremden gegenüber misstrauisch, aber von diesem Paket ging ein ganz betörender Duft aus.
Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Das Knurren, dass er die ganze Zeit gehört hatte, war sein eigener Magen. Er hatte schlicht und einfach Hunger, und was für einen!
Wie konnte er nur so dumm sein und das nicht merken. Na wenigstens hatten ihn keine anderen Kater gesehen. Dann hätte sich der ganze Ort über ihn lustig gemacht: „Seht mal, da ist der komische Kater, der seinem eigenen Magen hinterher springt.“
Aber für weitere Gedanken hatte er jetzt wirklich keine Zeit, sonst überlegte die Frau es sich womöglich noch, das Paket auszuwickeln und es roch doch so gut und außerdem platzte Charlie fast vor Neugierde.
Die Frau indessen langte mit ihren dicken Fingern in das Paket und zog eine fette geräucherte Sprotte hervor.
„Na ist das lecker?“ flötete sie.
So eine blöde Frage dachte Charlie und sein Magen schien Purzelbäume zu schlagen.
In hohem Bogen warf die Frau die Sprotte über den Zaun und leckte sich mit lautem Schmatzen ihre Finger ab. Das aber konnte Charlie nicht mehr sehen, denn er hatte genug damit zu tun, den Flug der Sprotte zu verfolgen, die mit einem leisen „Platsch“ im hohen Gras verschwand.
Da Charlie im Suchen und Finden von Beutetieren sehr geübt und auch in der Regel überaus erfolgreich war, dauerte es nicht mal eine Minute und er hatte das begehrte Fischlein gefunden und in der nächsten halben Minute war von ihm auch nichts mehr übrig.
Er streckte seinen Kopf aus dem Gras in Richtung Gartenzaun, aber die Frau hatte längst ihr Paket wieder eingepackt und war ihres Wegs gegangen.
„Das ist ja wohl die Höhe!“ empörte sich Charlie zum zweiten Mal an diesem Tag. „Erst füttert sie einen an und dann verschwindet sie einfach sang- und klanglos und lässt mich hier einfach sitzen.“
Das Knurren seines Magens erinnerte Charlie daran, dass er noch nicht satt war. Also musste er sich wohl oder übel nach einem neuen Frühstück umsehen.
„Vielleicht steht die Frau ja noch auf dem Weg vor dem Garten“ , schoss es Charlie durch den Kopf. Er streckte seinen Kopf durch die Gitterstäbe des Zaunes. Aber so sehr er auch lugte, die Frau war weg und mit ihr das leckere Paket mit den Sprotten.
Nun hatte er endgültig begriffen, dass er sich selbst um sein weiteres Frühstück kümmern musste.
Immer noch den Geschmack des Fisches im Maul lenkte Charlie unbewusst seinen Blick in Richtung Fischteich. „Eigentlich ist Fisch ja Fisch.“ Dachte er bei sich. „Und so ein Fisch kann ja wohl nicht allzu schwer zu kriegen sein.“
Selbstbewusst wie er nun mal war, tapste er zum Fischteich.
Plötzlich hielt er inne und presste seinen Schmierbauch ganz flach auf den Erdboden. Seine Augen wurden riesengroß und ganz schwarz wie immer, wenn er sich total auf eine interessante Sache konzentrierte.
Ein riesiger Vogel stand auf langen roten Beinen am Ufer und starrte auf sein Frühstück. Vorsichtig, damit der Vogel ihn nicht bemerkte, schlich er sich mit einem großem Bogen von der anderen Seite an den Vogel.
Er würde nicht zulassen, dass ihm jemand sein Frühstück vor der Nase wegstahl, selbst wenn er doppelt so groß wie er selber war.
Nun war er nur noch knapp einen Meter vom Ufer entfernt. Seine Schnurrhaare standen fast senkrecht von der Schnauze ab und zitterten in freudiger Erwartung. Behände setzte er zum Sprung an in der Absicht, dem Vogel an den Hals zu springen.
Kräftig stieß er sich mit den Hinterpfoten vom Erdboden ab und ---
verfehlte das Tier um Haaresbreite weil das Plätschern der Fische an der Wasseroberfläche ihn um die nötige Aufmerksamkeit brachte. Mit einem lautem Klatschen plumpste Charlie hilflos mitten ins Wasser. Die Fische stoben natürlich in alle Richtungen davon. Aber davon bekam Charlie nichts mit, denn er bemerkte plötzlich, dass Katzen nicht wirklich schwimmen können.
Wild schlug er mit allen vier Pfoten um sich und nach einer Weile gelang es ihm in die Ufernähe und damit festen Boden unter die Pfoten zu bekommen.
Mühsam schleppte er sich auf trockenen Boden, denn durch das nasse Fell war er mindestens doppelt so schwer.
Kaum war er wieder an Land, als er die Mädchen des Hauses bemerkte, die ihn wegen seiner Dummheit auslachten. Charlie sah sich irritiert um und erkannte erst jetzt, dass es sich bei dem Vogel um eine Plastikattrappe handelte, die dazu diente, echte Fischreiher vom Teich fernzuhalten.
Aber als das jüngere der Mädchen ihn mit einem Handtuch trocken gerubbelt hatte und die Ältere mit einem vollen Teller leckeren Katzenfutters vor ihm auftauchte, war der Schreck schnell wieder vergessen.
Gierig verschlang Charlie das Futter und machte sich danach auf den Weg in die Dachkammer der Mädchen um erst einmal ein Nickerchen zu halten und sich so von diesem aufregenden Tag zu erholen.

 

Charlie lag auf seinem Lieblingsplatz unter der Buchsbaumhecke nicht weit vom Fischteich entfernt und schlief. Er träumte von einer unglaublich leckeren Maus, die immer wieder versuchte, sich vor ihm in Sicherheit zu bringen. Aber seine scharfen Augen verfolgten jeden ihrer Schritte ganz genau und ab und zu tat er so, als ob er in eine andere Richtung schaute um damit die Sache noch etwas interessanter zu machen. Während er so vor sich hin träumte, zitterten seine langen, steil nach vorn gerichteten Schnurrbarthaare in wohliger Erwartung seines vermeintlichen Schmauses.
Plötzlich jedoch wurde seine Aufmerksamkeit von einem lang gezogenen Quaken jäh abgelenkt und sein träumerisches Festmahl zerplatzte wie eine Seifenblase im Wind vor seinem inneren Auge.
Instinktiv blinzelte er mit einem Auge in die Sonne und in Richtung Fischteich von dem das Quaken nun erneut erklang.
Da nun sein Traum von der fetten Maus endgültig geplatzt war, öffnete er beide Augen und fing an sich langsam zu erheben. Er streckte beide Vorderpfoten soweit er konnte von seinem Körper weg, schob dann seinen Schmierbauch ganz nach vorn und streckte dadurch seine Hinterpfoten, wobei er abwechselnd eine nach der anderen, nach hinten weg in die Höhe hielt.
Unwillig blickte er zum Fischteich, von dem wieder das Quaken zu hören war.
„Seit wann wohnt denn hier ein Frosch“ fragte sich Charlie, der es gewohnt war, dass am Fischteich Ruhe herrschte, denn Fische machen ja bekanntlich keinen Lärm.
Auf leisen Pfoten schlich er um den Fischteich herum, um herauszubekommen in welcher Ecke sich der Störenfried versteckte.
Da er nicht die Absicht hatte, sich von einem Frosch ständig um den Schlaf und, was noch viel wichtiger war, um seine besten Träume bringen zu lassen, musste er wohl oder übel etwas gegen ihn unternehmen.
Als er den Teich zu zwei Dritteln umrundet hatte, gewahrte er zwischen zwei großen Steinen die mit vielen anderen zur Uferbefestigung dienten, ein kleines grünes Etwas. Beim Luftholen plusterte es sich die Backen auf und kurz danach kam das lang gezogene Quaken aus der Tiefe seines Körpers.
Charlie war empört.
Wie konnte ein fremdes Tier sich einfach an seinem Fischteich einnisten und dann auch noch solch eine Unruhe stiften.
Charlie beschloss bei sich, dass der Frosch weg musste. Aber wie und vor Allem, wohin?
Langsam schlich er sich von der linken Seite an den Frosch heran und schoss plötzlich auf ihn zu. Er bekam ihn mit den Zähnen zu packen und fühlte einen ekligen Geschmack auf der Zunge. Am liebsten hätte er den Frosch sofort wieder fallen gelassen aber sein Instinkt sagte ihm, dass er sich wohl kaum ein zweites Mal fangen lassen würde.
Während er den zappelnden Frosch im Maul festhielt, überlegte er fieberhaft, was er nun mit ihm anfangen sollte.
Nach einer Weile fiel ihm der große Karpfenteich am Ende der Siedlung ein und so machte er sich mit seiner Beute auf den Weg. Nach zwanzig Minuten hatte er sein Ziel erreicht. Er blieb bei der Brücke stehen und steckte seinen Kopf durch das Geländer. Vorsichtig, damit er nicht den Halt verlor, hielt er den Kopf über die Wasseroberfläche und öffnete das Maul.
Der Frosch sprang natürlich sofort in hohem Bogen in das, mit Grünalgen bedeckte Wasser und nur an den kleinen sachten Wellen konnte Charlie erahnen, in welche Richtung er davon schwamm.
Zufrieden mit sich und der Aussicht endlich wieder seine Ruhe zu haben drehte sich Charlie um und machte sich auf den Rückweg nach Hause.

Als er um die Hausecke bog sah er gerade noch, wie eines der Mädchen in der Haustür verschwand, was bedeutete, dass er unkompliziert und ohne sich anstrengen zu müssen etwas zum Fressen abstauben konnte.
Schnell schlich er ins Haus und schmierte dem Mädel um die Beine. Wie erwartet bekam er sofort seine Streicheleinheiten und einen vollen Teller leckeren Katzenfutters.
Als er nun satt war, fand er es an der Zeit ein Mittagsschläfchen zu halten und so begab er sich wieder unter die Buchsbaumhecke, drehte sich drei Mal um sich selbst, um die bequemste Schlafposition zu finden und schloss die Augen.
Vielleicht konnte er ja an seinen Traum von heute früh anknüpfen.
Ein paar Minuten später war er schon im Katzentraumhimmel und vor ihm tauchte ein kleines grünes Tier mit aufgeblasenen Backen auf. Quaaak!
Charlie riss seine Augen auf.
Das konnte doch wohl nicht wahr sein.
Quaaak!
Da. Schon wieder. Kein Zweifel. Der Frosch war wieder da. Aber wie hatte er das gemacht. Er konnte doch mit seinen kleinen Beinen den weiten Weg von den Karpfenteichen bis hierher nicht gelaufen sein? Und wenn doch, dann nicht in dieser kurzen Zeit.
Er beschloss das Quaken einfach zu ignorieren und schloss schnell wieder die Augen.
Quaaak! Quaaaaaaaaaaak!
Das Quaken des Frosches wurde immer lauter und länger. Charlie sprang auf und versuchte erneut den Störenfried zu fangen. Aber er musste schnell feststellen, dass das nur ein einziges Mal funktioniert. Der Frosch war auf der Hut gewesen und saß auf dem großen Blatt einer purpurnen Seerose in der Mitte des Teiches.
Quak! Quak! Quak! kam es von dort her und Charlie hatte das Gefühl, dass der Frosch ihn auslachen würde.
Wütend lief er ein ums andere Mal um den Fischteich herum in der Hoffnung, dass der Frosch an das Ufer kommen würde. Aber der dachte gar nicht daran, drehte sich auf dem Blatt hin und her, immer in die Richtung, in die Charlie am Ufer gerade entlanglief.
Und immer wenn Charlie zu dem Frosch hinüber sah, kam prompt ein Quaaaaaaaaak! in seine Richtung zurück, was ihn letztendlich nur noch wütender machte.
Aber nach einer Weile siegte sein Verstand über seinen Dickkopf.
Er beschloss, sich unter der großen Tanne auf die Lauer zu legen und auf einen günstigen Augenblick zu warten, wenn der Frosch gerade nicht vorsichtig genug sein würde. Dann würde er ihn erwischen und noch viel weiter als beim letzten Mal davontragen.
Aber der Frosch hatte Geduld. Er saß auf seinem Blatt und ab und zu sprang er ins Wasser immer darauf bedacht, nicht zu nah ans Ufer und damit in Charlies Nähe zu kommen.
Wenn er mit seinem Bad fertig war, setzte er sich wieder auf sein Blatt äugte Charlie mit seinen Glubschaugen schräg von der Seite an und bedachte ihn lediglich mit seinem langen Quaaak!
Bald hatte Charlie genug vom Warten und war durch das gleichmäßige Plätschern der Wellen am Ufer und dem Rauschen der Bäume doch wieder eingeschlafen und nicht einmal das Quaken des Frosches nahm er noch bewusst war, als er schon in einem Katzentraum ein neues Abenteuer bestehen musste.
Als er zwei Stunden später vom Knurren seines Magens erwachte, war von dem Frosch keine Spur mehr zu sehen. Wahrscheinlich war es ihm zu langweilig geworden, nachdem Charlie eingeschlafen war und er hatte sich einen anderen Teich in der Siedlung gesucht, von denen es ja hier einige gab.
Charlie machte sich darüber jedoch keine weiteren Gedanken mehr.
Er hatte wieder seine Ruhe und alles Andere war für ihn momentan sowieso völlig unwichtig.