Martin - Feuer in der Seele

„Sehen Sie sich das zu Hause noch einmal genau an, damit der Test am Montag nicht genauso miserabel ausfällt wie der letzte. Auch wenn Ihre Aufmerksamkeit heute mehr als zu wünschen übrig gelassen hat, so hoffe ich doch, dass sie das Thema verstanden haben - auch Martin!“
Die Lehrerin war wie beiläufig die Bankreihen entlang gelaufen und blieb nun vor der vierten Bank stehen, in der Martin saß und gedankenverloren aus dem Fenster sah.
Die Klasse begann zu tuscheln und zu kichern.
Offenbar hatte Martin nichts von dem Annähern der Lehrerin bemerkt, denn er sah unbeeindruckt weiter aus dem Fenster und schien in Gedanken weit fort zu sein.
Die Lehrerin ließ das Klassenbuch, das sie in der Hand hielt mit einem lauten Knall auf den Tisch fallen, genau vor Martins Nase.
Die Klasse brach in schallendes Gelächter aus.
Martin zuckte zusammen und sah sie verdattert an.
Langsam kehrte er in die Realität zurück und ihm wurde bewusst, dass er sich gerade grenzenlos blamiert hatte.
„Jetzt, wo Sie wieder unter uns weilen, hätten Sie die Freundlichkeit sich die Hausaufgaben von der Tafel abzuschreiben.“
Die Lehrerin drehte sich um und ging zurück zum Lehrertisch.
Martin spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Aus den Augenwinkeln sah er wie die anderen über ihn lachten.
In diesem Augenblick klingelte es und die Stunde war vorüber.
Er stopfte seine Bücher in die Tasche und drängte sich zur Tür hinaus auf den Flur, wo in langen Reihen rechts und links an den Wänden die Schülerspinde standen. An einem der Spinde gegenüber der Tür lehnte Joey, sein bester Freund, und grinste über das ganze Gesicht.
„Ich will nichts hören“ raunzte Martin ihn an und stürmte an ihm vorbei.
Joey schloss den Mund und schluckte die Bemerkung hinunter, die er schon auf den Lippen hatte.
Dann lief er Martin zur Treppe hinterher.
„Hey, sieh das doch locker.“
Joey klopfte seinem Freund von hinten auf die Schulter.
„Bei der Gehrmann musst du mit so was rechnen. Die wartet nur darauf, dass jemand nicht aufpasst…“
Schweigend gingen die Jungen nebeneinander über den Schulhof zum Ausgang.
„Was ist denn los mit dir? Du bist so seltsam in letzter Zeit.“
Joey sah Martin fragend an, bekam aber keine Antwort.
„Hallo – Erde an Martin! Ich rede mit dir.“
Martin blieb mitten auf der Strasse stehen.
„Es ist nichts.“
„Das glaube ich dir aber nicht. Ich habe eher das Gefühl, dass du vor mir davonläufst.“
„Das ist doch Quatsch“, konterte Martin.
„Ach ja ? Du siehst mich ja nicht einmal mehr an, wenn wir miteinander reden.“
Martin schwieg. Er sah an Joey vorbei ins Leere und schwieg einfach.
„Martin, rede mit mir! Hast du Ärger mit deinen Alten?“
Joey war ärgerlich, ließ es sich aber nicht anmerken. Instinktiv spürte er, dass etwas nicht stimmte. Ein paar Wochen ging das nun schon so. Wenn er bei ihm anrief und fragte, ob sie etwas zusammen unternehmen wollten, vertröstete Martin ihn immer wieder. Auf Fragen gab er ausweichende Antworten und es tat ihm innerlich sehr weh, dass er nicht mit ihm sprach, ja nicht einmal in die Augen konnte er ihm, Joey, sehen.
Er fühlte sich so hilflos. Schließlich war Martin sein bester Freund und sie kannten sich schon seit dem Kindergarten. So lange er denken konnte, hatten sie alles gemeinsam gemacht.
Klar, sie hatten zwar auch unterschiedliche Interessen, aber das meiste unternahmen sie doch gemeinsam, wenn auch einer von beiden nur Zuschauer war.
Martin war eher der Stillere von beiden. Er las viel, ging gern ins Kino und beschäftigte sich in der Schule mit der Organisation von Theateraufführungen und solche Sachen.
Joey war mehr der lockere Typ. Immer gut drauf, zu allen Schandtaten bereit und Martin musste ihm mehr als einmal Rückendeckung geben wenn er wieder mal Blödsinn gemacht hatte. Er konnte nie wirklich lange stillsitzen und seine große Leidenschaft war das Handballspiel.
Martin begleitete ihn oft zu seinen Spielen. Er sah sich die Spiele gern an, aber zum Mitspielen war sein Interesse nicht groß genug.
Joey rechnete es ihm hoch an, dass er trotzdem meistens unter den Zuschauern war. Er war auch dabei, als seine Mannschaft vor ein paar Wochen gegen die Mannschaft des Einstein-Gymnasiums gewonnen hatte.
Martin hatte ihm auch erzählt, dass er Journalismus studieren wollte und das seine Eltern das für Nonsens hielten, er solle lieber BWL studieren und später die Firma der Eltern übernehmen. Er hatte ihm auch erzählt, dass sie seine Entscheidung für das Journalistikstudium nie akzeptieren würden und deshalb hatte er ihnen auch verschwiegen, dass er bereits eingeschrieben war. Martin hatte gesagt, dass er es ihnen immer noch sagen könnte, wenn er angenommen würde. Außerdem würde er sich dem Ärger umsonst aussetzen, wenn er abgelehnt würde.
„Ist es wegen des Studiums?“, bohrte Joey weiter und stellte sich vor Martin.
Martins Augen sahen durch Joey hindurch und dann rückte er etwas zur Seite und sah an ihm vorbei.
Joey drehte sich um. Suchend musterte er die Umgebung und sein Blick blieb an einem langen schlaksigen Jungen hängen, der lässig an der Hauswand auf der anderen Straßenseite lehnte.
Es war der Kapitän der Handballmannschaft, gegen die Joeys Mannschaft gewonnen hatte.
Er hatte ihn neuerdings schon öfters hier in der Gegend gesehen, obwohl er in einem anderen Bezirk zur Schule ging.
Joey hob grüßend die Hand und drehte sich wieder Martin zu.
„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“, fragte er Martin ärgerlich.
„Was? Ja, natürlich!“, stotterte der und verriet damit, dass er nicht zugehört hatte.
Er war mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders gewesen.
Jetzt sah er Joey an, der inzwischen vor Ärger rot angelaufen war.
„Ich habe den Eindruck, dass ich dir völlig egal bin!“
„Das ist nicht wahr, Joey. Ich bin nur momentan nicht ganz ich selbst. Ich versteh es ja selbst nicht“, versuchte Martin ihn zu beruhigen.
„Damit gebe ich mich diesmal aber nicht zufrieden“, warf Joey ein.
„Komm, wir gehen heute mal wieder in den Club, so wie früher. Du musst mal wieder raus. Dann kommst du auf andere Gedanken. Bitte.“
„Meinetwegen“, murrte Martin mehr, um seine Ruhe zu haben, als das er Lust dazu hatte.
Aber er wusste, dass Joey Recht hatte. Er hatte sich verändert. Etwas in ihm hatte sich verändert und er hatte Angst davor. Es war ein unbekanntes, nie zuvor da gewesenes Gefühl, und davor hatte er Angst.
Martin war die Fragen von Joey leid und er schämte sich dafür weil er wusste, dass er im Grunde Recht hatte und ihm nur helfen wollte.
„Also, wir sehen uns dann heut Abend um acht im Club“, sagte er zu Joey und er war froh, als er seinen Bus um die Ecke biegen sah. Ehe Joey noch etwas erwidern konnte, war er eingestiegen und die Türen schlossen sich hinter ihm.
Etwas ratlos sah er dem Bus mit Martin darin nach und zum ersten Mal in den vielen Jahren die sie befreundet waren hatte er das Gefühl, dass er Martin nicht so gut kannte, wie er immer geglaubt hatte.
Dann drehte er sich um und ging in die andere Richtung davon.



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Martin schloss die Tür des schicken Einfamilienhauses auf. Aus dem Esszimmer hörte er, wie sein Vater zu seiner Mutter sagte, dass er sich zum Studium einschreiben müsse.
Leise schlich Martin an der Tür vorbei zur Treppe. Er hatte absolut keine Lust auf irgendwelche Diskussionen. Er hatte die Treppe gerade erreicht, als Marie, seine Schwester, aus der Küche kam.
„Hey, Martin. Du kommst gerade richtig zum Essen.“
Martin hielt inne. Mit dem hinauf schleichen war es nun wohl vorbei.
Schon hörte er die Stimme seines Vaters aus dem Esszimmer.
„Martin? Wir müssen reden!“
„Später Dad. Ich bin müde und möchte auf mein Zimmer.“
Er war zum Esszimmer hinübergegangen und lehnte sich an den Türrahmen.
„Wann willst du dich endlich zum Studium eintragen?“
„Das kann ich doch immer noch.“
Genervt sah er seinen Vater an.