Ein Regenbogen für Tanja

„Tanja!“ Margit blickte ihre Freundin vorwurfsvoll an und eine steile Falte bildete sich auf ihrer Stirn.
„Hat Dich der Brief so sehr mitgenommen oder bist Du gar krank?“
Besorgt legte sie ihre Hand auf Tanjas Stirn.
„Ach Unsinn“ erwiderte diese und angesichts der Falte auf der Stirn Margits war es völlig egal, was sie als Antwort gab, sie würde es ihr nicht glauben.
„Ich bin nur ein bisschen neben der Spur heute.“
„Ein bisschen?“ fragte Margit.
„Das ist schon das vierte Mal, dass dir etwas aus der Hand fällt.“
Tanja winkte nur ab und verließ den Laden um zum wiederholten Mal an diesem Morgen Handfeger und Müllschaufel zu holen.
Als sie im Durchgang zu den hinteren Räumen des Geschäftes stand und zu denen die Kunden keinen Zutritt hatten lehnte sie sich an die Wand und schloss die Augen.
Margit hatte ja Recht. Sie war so durcheinander, seit sie vor vier Tagen diesen Brief aus Irland erhalten hatte.

Vor ihren Augen sah sie sich noch einmal an der Tür ihrer kleinen Wohnung stehen als der Briefträger ihr gegen Empfangsbestätigung diesen dicken großen Umschlag in die Hand gedrückt hatte.
Sie war sehr verwundert gewesen. Wer sollte ihr schon schreiben.
Sie hatte keine Verwandten und von Margit mal abgesehen kannte sie sonst niemanden in dieser Stadt von dem sie Post erwarten konnte.
Tanja war erst vier Jahre alt, als ihre Eltern starben.
Auf dem Heimweg war ihr Auto bei regennasser Fahrbahn von der Strasse abgekommen und gegen einen Baum geprallt.
Ihre Eltern waren sofort tot gewesen. Tanja selbst lag wochenlang im Krankenhaus und hatte sich nur sehr langsam wieder erholt. An den Unfall konnte sie sich gar nicht erinnern.
Später war sie dann in ein Waisenhaus gebracht worden und dort aufgewachsen.
Irgendwie hatte Tanja immer das Gefühl gehabt dass sie nicht in dieses Leben gehörte.
Die anderen Kinder des Waisenhauses hatten ihr mehr als einmal klar gemacht, dass sie Tanja nicht mochten. Schon ihr Name war für sie Stein des Anstoßes: Tatjana MacCarthaigh. Das war doch kein Name für ein deutsches Kind. Aber sie hatte ihn nun mal und konnte ihn ja auch nicht einfach wieder ablegen. Was konnte sie denn auch dafür, dass ihr Vater gebürtiger Ire gewesen war.
Während die anderen Kinder herumtobten und spielten, las Tanja Bücher oder träumte von großen Reisen durch die Welt, die sie nur aus den Büchern kannte.
Als kleines Kind hatte sie noch gehofft, von einer Familie adoptiert zu werden. Aber die Jahre vergingen und Tanja blieb im Waisenhaus. Die meisten Paare wollten kleine Babys haben. Das schmerzte Tanja natürlich sehr und nach und nach hatte sie sich immer mehr in ihre eigene kleine Welt zurückgezogen.
Ihr einziger Freund war ihr Tagebuch dem sie alles anvertraute.
Als Tanja achtzehn Jahre alt war, hatte sie ihr Abitur in der Tasche.
Tanja war nicht der Typ Mensch, der sich auf dem Erreichten ausruhte. Eine innere Unruhe trieb sie immer weiter voran. Stets hatte sie das Gefühl, es würde in ihrem Leben noch irgendetwas passieren. Ja, als wäre sie auf eine unbestimmte Art auf Durchreise.
Sie wusste es selbst nicht so richtig zu deuten.
Nach dem Abitur wollte Tanja studieren. Am liebsten Archäologie oder irgendetwas in die Richtung.
Sie hatte unzählige Bücher gelesen und war mehr auf allen möglichen Vorträgen zu finden als zu Hause. Tanja war immer wieder fasziniert davon in vergangene Zeiten einzutauchen.

Tanja war mit ihren gerade neunzehn Jahren zwar noch sehr jung aber eine sehr intelligente junge Frau mit angenehmen Äußeren. Ihre langen braunen Haare hatte sie meistens zu einem dicken Pferdeschwanz zusammen gebunden. Ihre Figur war wohlproportioniert und auch die Auswahl ihrer Kleidung stand ihr augenscheinlich gut.
Und doch hatte sie kaum Freunde.
Die meisten Leute, die sie ab und zu doch einmal kennen lernte, waren ihr einfach zu oberflächlich. Manche hielten sich für oberschlau und andere waren einfach nur dumm genug, sich etwas auf ihr Aussehen einzubilden. Solche Bekanntschaften vertiefte sie gar nicht erst.
Der Tod der Eltern und das Gefühl von ihnen allein gelassen worden zu sein war allgegenwärtig. Vielleicht war sie Fremden gegenüber deshalb so scheu, weil sie Angst hatte wieder verlassen zu werden.
Nach der Zeit im Waisenhaus war sie in diese kleine Wohnung am Markt gezogen. Sie war nicht sehr groß, hatte nur zwei winzige Zimmer. Aber es war das erste Mal, das sie ein Zimmer nicht mit anderen Menschen teilen musste.
Und die Wohnung war bezahlbar.
Tanja hatte den Traum vom Studium noch nicht aufgegeben und war deshalb auf der Suche nach einem Job gewesen, um das Studium und ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können, gewesen, als sie Margit kennen lernte.
Eines Tages hatte sie mit einer Zeitung in einem der Straßencafes am Marktplatz gesessen. Sie studierte gerade die Stellenanzeigen als sie von einer jungen Frau angesprochen wurde.
Tanja hatte gar nicht bemerkt, dass sich das Cafe inzwischen so gefüllt hatte, dass es kaum noch freie Plätze gab.
Die Frau, die sich nach dem freien Platz an ihrem Tisch erkundigt hatte, war Margit gewesen.
Obwohl Tanja am liebsten abgelehnt hätte, bot sie Margit den freien Platz an ihrem Tisch an und vertiefte sich dann wieder in ihre Zeitung.
Margit war es dann gewesen, die ein Gespräch mit ihr anfing - ausgerechnet über das Wetter.
„Dieses Jahr ist es ja ganz schön heiß, nicht wahr?“
Und ohne eine Antwort abzuwarten plapperte sie weiter.
„Aber so ist das ja immer. Ist es zu heiß, stöhnen wir Menschen über die Hitze. Und kaum ist der Winter wieder da, ist es uns zu kalt. Mit nichts sind wir zufrieden.
Übrigens, ich heiße Margit.“
Nun war Tanja doch etwas erstaunt. Die fremde Frau kannte sie doch gar nicht und trotzdem verriet sie ihr gleich ihren Namen. Aber wie dem auch sei. Diese Margit hatte es geschafft, ihr Interesse zu wecken, wenn auch auf eine etwas ungewöhnliche Art.
„Angenehm, ich heiße Tanja.“
Die beiden Frauen kamen ins Gespräch und so kam es, dass Tanja heute diesen Job in Margits kleinen Haushaltswarenladen bekommen hatte, den diese von ihren Eltern geerbt hatte.

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„Tanja!“ hörte sie Margit aus dem Laden rufen. Sie erschrak, griff nach Handfeger und Schaufel und eilte zurück in den Verkaufsraum.
„Hast du Handfeger und Müllschaufel erst gemalt?“ fragte Margit ihre Freundin.
„Entschuldige“, entgegnete Tanja und machte ein unglückliches Gesicht. Sie beeilte sich, den Scherbenhaufen, den sie fabriziert hatte weg zu fegen.
Stirn runzelnd sah Margit zu Tanja hinunter. Margit war etwas lockerer im Umgang mit anderen Menschen als Tanja. Sie war für alles Neue offen, von Natur aus neugierig und für Tanjas Empfinden ziemlich direkt. Margit war nur drei Jahre älter als Tanja und im Laufe der Zeit hatte sich zwischen den beiden Frauen eine innige Freundschaft entwickelt.
„Ich glaube, du gehst besser nach Hause“, sagte sie nach kurzer Überlegung.
„Ab morgen bist du ja sowieso in Urlaub und in einer Stunde kommt deine Vertretung. Bis dahin komme ich schon alleine klar.“
Tanja sah ihre Freundin dankbar an.
„Vielleicht hast du Recht. Der Brief hat mich wahrscheinlich doch mehr mitgenommen, als ich dachte.“
„Dann scher Dich nach Hause und pack Deine Koffer!
Und vergiss nicht, mich anzurufen, wenn Du gelandet bist. Du weißt, dass ich sonst nicht ruhig schlafen kann.“
Tanja umarmte ihre Freundin und drückte sie fest an sich.
„Danke, Margit. Danke für alles“, flüsterte sie ihr ins Ohr.
Dann holte sie ihre Jacke und ihre Handtasche aus dem Büro und verließ das Geschäft.

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Margit sah ihr noch kurz hinterher. Sie hatte Tanja gleich bei ihrem ersten Treffen in dem Cafe´ gemocht und ihr später den Job in ihrem Geschäft angeboten.
Sie liebte Tanja wie eine Schwester und darum machte sie sich auch Sorgen um sie, denn sie hatte sich verändert, seit sie diesen Brief aus Irland bekommen hatte.
Auch wenn sie sich sonst alles erzählten, diesmal hatte sie das Gefühl, Tanja würde ihr etwas verschweigen. Das Einzige, was sie aus ihr herausbekommen hatte war, dass Tanja wohl doch noch irgendwelche Verwandte in Irland hatte, von denen sie bis jetzt nicht gewusst hatte.
„Bedienen Sie hier auch oder sind Sie zur Ansicht hier?“, riss eine missgelaunte ältere Dame Margit aus ihren Gedanken. Sie schrak zusammen und stammelte „Entschuldigung, wie kann ich Ihnen helfen?“

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Tanja schloss ihre kleine Wohnung auf, zog ihre Jacke aus und hängte sie an den Garderobenhaken gegenüber der Küchentür.
Dann betrat sie ihre winzige Küche und setzte den Wasserkessel auf, um sich eine Tasse Kaffee zu kochen.
Während sie darauf wartete, dass das Wasser im Kessel zu kochen begann, griff sie zu dem großen gelben Umschlag, der auf dem winzigen Esstisch lag und zog dessen Inhalt heraus.
Ihre Hände zitterten ein wenig dabei.
In dem Umschlag befanden sich zwei kleine weitere Umschläge.
Tanja nahm sich den kleineren der Beiden auf dem in zittriger Handschrift >Für Tatjana< stand.
Nie in ihrem bisherigen Leben hatte sie irgendjemand bei ihrem vollen Namen genannt. Mit immer noch zitternden Fingern zog sie einen blassblauen Briefbogen hervor der dicht mit der gleichen Handschrift beschrieben war, wie auch der Umschlag.

Meine liebe Tatjana,
Du wirst Dich sicherlich wundern, nach so vielen Jahren von jemand Post zu erhalten. Ich habe meinen alten Freund und Anwalt Dr. Sweeny gebeten, Dich ausfindig zu machen und Dir diesen Brief zukommen zu lassen.
Bis heute hast Du angenommen, dass Du keine Verwandte mehr hast.
Das ist nicht richtig, denn Du hast eine Familie hier in Irland.
Ich weiß, dass das sehr schwer zu begreifen ist, aber ich möchte versuchen es Dir zu erklären.
Durch Starrköpfigkeit und Missverständnisse bist Du in Deine heutige Lage gekommen und daran bin ich nicht ganz schuldlos.
Ich kann Dir nicht sagen, wie unendlich Leid mir das alles heute tut.
Ich erwarte auch nicht, dass Du mir meine Fehler verzeihst. Gott allein weiß, wie sehr ich mich selbst gestraft habe.
Ich hatte einen Sohn, Deinen Vater, der mein ein und alles war und mit dem ich große Pläne hatte.
Er sollte eine Frau unseres Standes heiraten und die Familientradition fortführen.
Deine Mutter hat mir damals einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie hatte sich in Deinen Vater verliebt und er sich in sie.
Aber in meiner Sturheit wollte ich das nicht einsehen. Ich war dagegen und im Streit trieb ich ihn aus seinem Elternhaus.
Er flog zurück nach Deutschland und dort haben Deine Eltern auch geheiratet und haben Dich, meine Enkeltochter, bekommen.
Als Deine Eltern dann verunglückten, brach es meiner Frau das Herz. Sie ist kurze Zeit später gestorben.
Ich aber war so verbittert, dass ich Deine Existenz von da ab völlig ignorierte ohne zu wissen, dass Du mir so fehlen würdest.
Nun wirst Du Dich fragen, warum ich Dir das schreibe. Warum ich Dir nach so vielen Jahren Dein Leben durcheinander bringe.
Ich bin sehr krank und habe wahrscheinlich nicht mehr allzu lange Zeit auf dieser Welt.
Ich muss meine Sachen in Ordnung bringen und meine Fehler wieder gut machen.
Ich kann nicht erwarten, dass Du mir verzeihst.
Was Du mit diesen Informationen anfängst, hängt ganz allein von Dir ab.
Du kannst mich einfach ignorieren oder aber Dich mit meinem Freund Dr.Sweeny in Verbindung setzen. Er wird sich um Dich kümmern.
Auch wenn Du es nicht glauben kannst: Ich bin stolz eine Enkeltochter zu haben.
Verzeih mir
Dein Großvater Connor MacCarthaigh



Tanja hatte den Brief wieder auf den Tisch gelegt. Sie wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht und das Pfeifen des Wasserkessels auf dem Herd riss sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und goss das kochende Wasser in den Kaffeebecher. Dann stellte sie den Kessel auf den Herd zurück, wo er weiter auf der heißen Herdplatte vor sich hin zischte.
Dann ließ sie sich auf einen der Küchenstühle fallen und nippte an ihrem heißen Kaffee. Wie konnte das nur möglich sein, hatte sie sich immer wieder gefragt.
Im Waisenhaus hatte man ihr doch gesagt, dass sie keine Verwandten hätte.
Und nun kam dieser Brief. Sie war so durcheinander gewesen, dass sie nicht einmal Margit erzählt hatte, was darin stand. Sie wusste auch gar nicht, wie sie es ihr erklären sollte. Sie hatte es ja selbst kaum begreifen können. Sie nahm einen zweiten Schluck aus ihrer Tasse und dann holte sie den zweiten Brief aus dem Umschlag.
Er war von Dr.Sweeny, dem Anwalt und Notar, den ihr Großvater, wenn er es denn auch war, in seinem Brief schon erwähnt hatte.
In ihm schrieb er, wo sie ihn erreichen konnte, wenn sie ihn brauchte. Weiter versicherte er ihr jede Hilfe und Unterstützung.
Schon einen Tag später, nach einer schlaflosen Nacht mit unzähligen quälenden Gedanken hatte sie diesen Dr.Sweeny angerufen.
Er war ein älterer Herr, sehr höflich und flößte Tanja selbst durch das Telefon allein mit seiner sonoren Stimme Vertrauen ein.
Tanja erklärte ihm, dass sie bald Urlaub hätte und er machte den Vorschlag, diesen in Irland zu verbringen. Er wollte sich um Unterkunft und Flug kümmern und alles andere wollten sie dann bei ihm besprechen.

Tanja trank ihren Kaffee aus und begann dann ihre Koffer zu packen.
Ein wenig ratlos war sie schon, welche Sachen sie einpacken müsste. Nach einiger Überlegung entschied sie sich für einige Blusen und Röcke, sowie für zwei Sommerkleider, die sie letzte Woche zusammen mit Margit gekauft hatte.
Dann packte sie noch lange Hosen und zwei Pullover ein. Das Wetter in Irland konnte manchmal sehr unbeständig sein, wie sie aus ihren Büchern wusste.
In Irland gab es keine richtigen Winter, wie hier in Deutschland. Es war eine absolute Rarität, wenn das Thermometer einmal unter den Gefrierpunkt fiel.
Allerdings gab es auch keine solchen Sommer wie hier. Die Temperaturen überstiegen selten fünfundzwanzig Grad. Irland wurde auch von Regenschauern überrascht, die aber schnell durch die Windströmung wieder aufhörten.
In keinem anderen Land konnte man dadurch so viele Regenbogen am Himmel sehen. Es war ein wechselndes Schauspiel der Natur und wegen der warmen Winter und kühlen Sommer, wenn man das mal mit Deutschland verglich, grünte und blühte das Land in einem fort. Nicht umsonst wurde Irland ja in aller Welt als die grüne Insel berühmt.
Als sie fertig mit Packen war, legte sie noch das Flugticket bereit und bestellte sich für neun Uhr des nächsten Tages ein Taxi zum Flughafen.

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Tanja überlegte gerade, ob sie das Buch, dass sie schon vor Wochen zu lesen angefangen hatte weiter lesen oder den Fernsehapparat anstellen sollte. Sie entschied sich für Letzteres und griff nach der Fernbedienung auf dem winzigen Couchtisch.
Nach kurzer Zeit ertappte sie sich jedoch dabei, wie sie eigentlich nur zwischen den Kanälen herum zappte.
Ihr Blick fiel nun doch auf das Buch. Aber zum Lesen brauchte sie ihre innere Ruhe, und die hatte sie momentan nicht. Zuviel ging ihr in den letzten Tagen durch den Kopf und es war schon mehr als einmal vorgekommen, dass sie nach dem Lesen nicht mehr wusste, was sie eigentlich gelesen hatte.
Sie schaltete den Fernsehapparat wieder aus und saß nun unentschlossen auf dem Sofa, als die Türglocke anschlug.
Tanja schrak auf. Wer konnte das denn sein.
Die Postfrau war um diese Zeit längst durch.
Sie stand auf und ging zur Tür um sie zu öffnen.
Vor der Tür stand Margit.
„Du?“ entfuhr es Tanja.
„Da staunst du, nicht wahr?“
Margit grinste über das ganze Gesicht und sah zufrieden in das verblüffte Gesicht ihrer Freundin.
„Ich bin einfach früher aus dem Geschäft gegangen und habe mir gedacht, wir könnten noch etwas zusammen unternehmen. Schließlich ist das unser letzter Tag und wir sehen uns dann eine ganze Weile nicht mehr“
Tanja stand immer noch sprachlos mitten in der Tür und langsam verschwand das Lächeln aus Margits Gesicht.
„Was ist denn?“ fragte sie.
„Hast du etwa noch nicht gepackt oder bist du schon anderweitig verabredet?“
„Nein. Ja.“
Tanja geriet ins Stottern.
„Das heißt ja: Ich habe natürlich schon gepackt und Nein: Ich bin nicht anderweitig verabredet.“
Mit wem sollte sie auch verabredet sein. Tanja war einfach nur zu überrascht über Margits plötzliches Erscheinen.
Aber jetzt hatte sie ihre Fassung wieder gefunden und zog Margit an ihrem Ärmel in die Wohnung hinein.
„Wegen mir können wir irgendetwas machen. Hast du eine Idee?“
Margit sah Tanja aus den Augenwinkeln an und sagte dann betont gleichgültig:
„Ich dachte, wir könnten mal wieder in unser Cafe´ gehen und einfach mal ein bisschen plaudern. Das haben wir schon so lange nicht mehr gemacht.“
„Ja, du hast Recht. Wir unterhalten uns in letzter Zeit nur noch zwischen zwei Kunden. Ich ziehe mir nur schnell noch etwas anderes an.“
Und schon war Tanja in ihrem winzigen Schlafzimmer nebenan verschwunden.
Ein Lächeln huschte über das Gesicht von Margit, als sie Tanja hinterher sah.
Sie freute sich über ihren Einfall das Geschäft heute Nachmittag ihrer Verkäuferin überlassen zu haben und stattdessen den Nachmittag mit Tanja zu verbringen.
Irgendwie machte es sie ein wenig traurig, dass sie Tanja nun sechs Wochen nicht mehr sehen würde. Seit sie sich kannten, hatten sie sich eigentlich jeden Tag gesehen.
„Kann ich mich so mit dir auf die Strasse trauen?“, riss Tanja ihre Freundin aus ihren Gedanken.
Sie hatte sich für einen schwarzen Hosenrock, der ihr bis an die Knöchel reichte und dazu eine helle Bluse entschieden. In der Hand hielt sie die schwarze Strickjacke, die sie von Margit zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt bekommen hatte.
„Na, wenn dein Schrank nichts Besseres hergibt“, neckte Margit und beide fingen an zu lachen. Dann machten sie sich auf den Weg in ihr Lieblingscafe´. Es war immer noch das Cafe´, in dem sie sich vor einem Jahr kennen gelernt hatten.
Sie hatten Glück und erwischten einen freien Tisch direkt am Fenster. Von hier aus konnte man wunderbar die Leute auf dem Marktplatz beobachten.
Margit setzte sich Tanja gegenüber und bestellte zwei Prosecco bei dem Kellner, der mit einem freundlichen Lächeln an ihren Tisch getreten war.
Während sie auf ihre Bestellung warteten, sah Tanja aus dem Fenster hinaus auf den Marktplatz, auf dem die Leute hin und her liefen und mal an diesem, mal an jenem Stand stehen blieben, um den Händlern etwas abzukaufen.
Der Kellner, der inzwischen die Getränke an ihren Tisch gebracht hatte, lenkte Tanjas Aufmerksamkeit wieder zu Margit.
„Schau mal, was da zur Tür hereinkommt“, sagte Margit und ein schelmisches Grinsen zog sich über ihr Gesicht.
Tanja wandte den Kopf zur Tür.
„Der wäre doch genau richtig für dich, fuhr Margit fort.
Ein groß gewachsener Mann mit gewellten blonden Haaren hatte das Cafe betreten und sah sich suchend um.
Tanjas Blick traf sich mit seinen wasserblauen Augen und sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.
Er lächelte kurz in ihre Richtung und ließ sich an einem freien Tisch in der Nähe der Tür nieder.
Tanja drehte sich schnell wieder zu Margit um und fegte mit einer hektischen Bewegung ihr Proseccoglas vom Tisch.
Die Röte in ihrem Gesicht verstärkte sich noch einmal, während Margit in helles Gelächter ausbrach.
„Das war das fünfte Mal heute“, meinte sie.
Tanja war, als müsste sie vor Scham im Boden versinken, denn das halbe Cafe und natürlich der blonde Mann hatten sich nach ihr umgesehen, als das Glas zu Bruch ging.
„Es ist mir wirklich sehr peinlich…“, versuchte sie eine Entschuldigung an den Kellner, der geflissentlich mit Handfeger und Kehrschaufel herbeigeeilt war, um das Malheur zu beseitigen. Der jedoch winkte nur mit einem Lächeln ab.
„Es gibt Schlimmeres auf der Welt als ein zerbrochenes Glas. Ich bringe Ihnen sofort ein neues.“
Und schon war er wieder fort.
„Ist mir das peinlich!“, stieß Tanja zwischen den Zähnen hervor.
„Aber wieso denn? Jetzt ist der Typ an der Tür wenigstens auf dich aufmerksam geworden. Komm schon, ein kleines Abenteuer kann dir nur gut tun.“
Margit war sichtlich amüsiert.
„Sieh mal, er schaut schon wieder zu dir herüber.“
Aber Tanja hatte das Gefühl, alles Blut ihres Körpers würde sich im Kopf sammeln, während die Beine ihr den Dienst versagen würden, wenn sie gestanden hätte.
Vorsichtig wandte sich Tanja zur Seite, um den Mann aus den Augenwinkeln heraus zu beobachten.
Er mochte so um die dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt sein. Die blonden Haare waren mit etwas Haargel perfekt in Form gebracht. Am markantesten waren seine wasserblauen Augen und ab und zu erschienen kleine Grübchen auf seinem gebräunten Gesicht, die ihm ein jungenhaftes Aussehen gaben. Die Knopfleiste seines Hemdes war etwas geöffnet und er schien sehr muskulös zu sein.
Unwillkürlich stellte sich Tanja vor, in seinen Armen zu liegen und den Duft seines Körpers einzuatmen. Gleichzeitig erschrak sie über ihre eigenen Gedanken und erneut spürte sie, wie ihr das Blut wieder in den Kopf stieg.
Sie nahm einen hastigen Schluck Prosecco aus ihrem Glas, dass der Kellner, von ihr unbemerkt, an den Tisch gebracht hatte.
„Na, der muss ja einen wahnsinnigen Eindruck auf dich machen. Du wechselst die Farbe im Gesicht ja im Minutentakt“, brachte sich Margit wieder in Erinnerung.
„Ach, rede doch keinen Unsinn“, wehrte Tanja ab.
„Ich bin nur wegen der Reise ein wenig aufgeregt“, versuchte sie das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
„Es ist schon seltsam. Da denkst du neunzehn Jahre lang, du wärst eine Waise und dann kommt so mir nichts dir nichts ein Brief und „Peng!“, plötzlich hast du eine Familie.“
Margit sah ihre Freundin mit einer Mischung aus Freude und Sorge an.
„Versprich mir nur, dass du vorsichtig bist. Du kennst diese Leute schließlich nicht. Vergiss nicht, mich anzurufen, damit ich weiss, dass es dir gut geht.“
„Ja, natürlich! Ich bin ja nicht von gestern“, beruhigte Tanja Margit.
„Ich lese ja auch Zeitung. Glaub mir, ich passe schon auf mich auf. Aber ich muss auch wissen, wer diese Leute sind. Vielleicht habe ich ja wirklich eine Familie. Ich hätte den Rest meines Lebens keine ruhige Minute mehr, wenn ich nicht versuchen würde, das herauszufinden.“
Ohne es wirklich zu merken, hatte sie sich unbewusst nach dem fremden Mann umgedreht, doch sein Tisch war leer und ein Anflug von Enttäuschung machte sich in ihr breit.
Nach einem Blick auf ihre Uhr sagte Margit: „Ich glaube, wir gehen jetzt besser, sonst versäumst du morgen noch deinen Flug, weil du verschläfst, und ich bin schuld daran.
Sie rief nach dem Kellner, um sich die Rechnung bringen zu lassen. Der jedoch kam mit einem Lächeln zu den Damen und erklärte ihnen, dass die Rechnung schon von dem Herrn bezahlt worden war, der an dem Tisch bei der Tür gesessen hatte.
Während sich Margit darüber unbekümmert freute, schoss Tanja zum wiederholten Male die Röte ins Gesicht.
Margit sah sie geheimnisvoll an und grinste über das ganze Gesicht.
„Na, hat´s dich doch erwischt?“
„Blödsinn. Ich habe nur zuviel Alkohol getrunken“, wehrte Tanja ab und trat hinter Margit hinaus auf die Strasse.
Dann verabschiedeten sich die beiden und jede ging in ihre Richtung nach Hause.

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Es war kurz nach halb sieben, als am nächsten Morgen Tanjas Wecker klingelte. Mit einem Satz war sie aus dem Bett und gleich darauf im Bad.
Sie stellte sich unter die Dusche und spürte, wie ihre Lebensgeister erwachten mit jedem Tropfen Wasser, der über ihre Haut lief.
Fröhlich griff sie nach dem Duschgel und seifte ihren Körper von oben bis unten ein.
Später wickelte sie sich in ein Badetuch und setzte sich in ihre kleine Küche, um zu frühstücken und nichts in der Welt konnte ihre gute Laune trüben.
Kurz vor neun klingelte der Taxifahrer an der Tür, der sie zum Flughafen bringen sollte.
Aufmerksam sah sich Tanja noch einmal in der Wohnung um, ob sie auch ja nichts vergessen hatte. Gas, Wasser und Licht waren ausgeschaltet. Den Zweitschlüssel ihrer Wohnung hatte sie Margit zum Blumen gießen schon vor einer Woche gegeben.
Da um diese Zeit der Berufsverkehr schon vorbei war, kamen sie recht schnell am Flughafen an und so hatte Tanja noch viel Zeit, bevor ihr Flieger starten würde.
Sie checkte ein und ließ sich dann mit einem Becher Kaffee, der Morgenzeitung und zwei Magazinen in der Cafeteria des Flughafens nieder.
Sie nahm die Zeitung zur Hand und begann zu lesen.
Es war eine Angewohnheit von ihr, Zeitungen von der letzten Seite zur ersten zu lesen und das tat sie auch heute.
Sie war gerade beim Wetter angelangt, als sie von einem Mann angesprochen wurde. Sie ließ die Zeitung sinken und blickte über den Rand hinweg in ein paar unwiderstehliche wasserblaue Augen. Ehe sich Tanja besann, sprang sie von ihrem Stuhl auf und stieß dabei gegen den Tisch, auf dem der Kaffeebecher umfiel. Sein Inhalt verteilte sich gleichmäßig auf der Tischplatte.
Wieder spürte sie das Blut in ihren Kopf steigen und sie hasste sich in diesem Augenblick dafür.
So etwas Dummes. Kaum sah sie in diese Augen, konnte sie nicht mehr rational denken. Es war, als würde ihr Körper ein Eigenleben führen.
„Verzeihung, ich wollte sie nicht erschrecken…“, setzte der Mann zum Reden an und begann gleichzeitig, mit seinem Taschentuch den Kaffee vom Tisch zu wischen.
„Müssen Sie mich so erschrecken?“ fauchte Tanja den Mann an.
„Verzeihung. Das lag nicht in meiner Absicht“, versicherte er ihr und machte ein komisch bedrücktes Gesicht, dass gleich wieder ein Lächeln auf Tanjas Gesicht zauberte.
„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Ian O´Brien“.
„Angenehm. Tatjana MacCartaigh“, antwortete Tanja mechanisch, noch immer im Bann seiner unglaublichen blauen Augen.
Jetzt stand er direkt vor ihr, einen Kopf größer als sie selbst.
Sein Körper stark und gleichzeitig elegant in seinen Bewegungen, vom Duft seines herben, aber angenehmen Parfüms umgeben.
„Darf ich Ihnen einen neuen Kaffee holen?“, fragte er.
Ohne eine Antwort abzuwarten, machte er sich auf den Weg und war kurze Zeit später mit zwei neuen Bechern in der Hand wieder zurück.
„Das ist schon das zweite Mal, dass sie mich einladen“, lächelte Tanja ihn an.
„Schöne Frauen muss man immer einladen“, scherzte er.
„Beim dritten Mal sind sie dran.“
Tanja war schon wieder in Gedanken. Was für eine Stimme. Selbst die armseligsten Banalitäten hörten sich aus seinem Mund wie ein spannender Krimi an.
Und dann seine Nähe…
Sie hatte das Gefühl zu träumen. Tief sog sie den Duft seines Parfüms ein.
„Wo fliegen Sie hin?“, hörte sie ihn fragen.
„Ich fliege nach Dublin, aber dann fahre ich weiter nach Cork. Und Sie?“
„Nach Dublin.“
„Aja, beruflich oder privat?“
„Sowohl, als auch, und Sie?“
Ian O´Brien sah sie fragend an.
„Privat. Ich mache Urlaub.“
Nun schien er zufrieden.
„Waren Sie schon einmal in Irland?“
Nein. Ich kenne es eigentlich nur aus Büchern und dem Fernsehen.“
„Es ist ein schönes Land. Sie werden es lieben, da bin ich mir sicher.“
„Und Sie?“ fragte Tanja ihn.
„Waren Sie schon mal dort?“
„Ich lebe dort. Naja, mehr oder weniger.“
Erwartungsvoll sah Tanja ihn an. Doch er beließ es dabei und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung.
Als kurze Zeit später der Aufruf für ihren Flug aus dem Lautsprecher kam, griffen sie nach ihrem Handgepäck und machten sich auf den Weg zu ihrem Flugzeug.

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Tanja stand vor ihrem Sitz und versuchte ihre Tasche in das Gepäckfach über ihr zu stopfen. Aber irgendwie misslang ihr das. Die Klappe des Faches wollte sich einfach nicht schließen lassen.
„Darf ich Ihnen behilflich sein?“
Sie brauchte sich nicht einmal umzudrehen. Sie wusste sofort, dass es Ian war, der hinter ihr stand.
Ohne ihre Antwort abzuwarten nahm er ihr die Tasche aus der Hand und verstaute sie geschickt in dem Fach. Bei ihm ging die Klappe sofort zu. Dann stopfte er seine eigene Tasche in das Nachbarfach und ließ sich wie selbstverständlich auf den Sitz neben ihren fallen.
Tanja war einen Moment lang sprachlos.
„Ist das etwa Ihr Platz?“
In Ians Gesicht machte sich ein jungenhaftes Grinsen breit.
„Ist Ihnen das unangenehm?“
„Natürlich nicht…“
Tanja spürte, wie ihr wieder heiß im Gesicht wurde.
Ians Grinsen wurde noch breiter. Aber das machte ihn in Tanjas Augen nicht weniger attraktiv. Sie warf ihren Kopf nach hinten und sagte dann eine Spur zu schnippisch: „Aber ein komischer Zufall ist es doch schon. Das müssen Sie zugeben.“
„Das ist kein Zufall.“
Ian sah Tanja tief in die Augen und setzte einen unschuldsvollen Blick auf.
„Ich habe meinen Platz mit dem der alten Dame dort in der vierten Reihe getauscht.“
Tanja sah zu dem Platz hinüber, indessen Richtung seine Hand wies.
Die Dame sah Tanja lächelnd an und zwinkerte ihr viel sagend zu.
Ihr war ziemlich unwohl zumute.
„Was haben Sie ihr denn erzählt, dass sie bereit war ihren Platz mit Ihnen zu tauschen?“
„Ich habe ihr die Wahrheit erzählt.“
„Was für eine Wahrheit?“
Sie ahnte, dass es nichts Gutes sein konnte, was jetzt kam und ihr ungutes Gefühl verstärkte sich. Mit zwei Fingern lockerte sie den Kragen ihrer Bluse, weil ihr heiß wurde.
„Nun. Ich habe ihr gesagt, dass wir uns gerade erst kennen gelernt haben und sie die Frau sind, die ich heiraten möchte. Und darum müsse ich unbedingt neben Ihnen sitzen.“
Tanja glaubte, nicht richtig gehört zu haben.
„Sie haben ihr was erzählt?“ Auf ihrem Gesicht hatte sich Zornesröte breit gemacht.
Sie bilden sich wohl ein, Sie brauchen nur mit dem kleinen Finger zu schnippen und schon liegen Ihnen die Frauen zu Füssen.“
Tanja war völlig außer sich.
„Pech für Sie, dass das bei mir nicht klappt.“
Demonstrativ warf sie sich in ihren Sessel zurück und klappte wahllos irgendeine Seite in ihrem Buch auf, das auf ihren Knien lag. Sie war fest entschlossen, ihn für den Rest des Fluges zu ignorieren.
Doch Ian grinste schon wieder. Tanja hielt ihr Buch nun direkt vor das Gesicht, damit er ihres nicht sehen konnte.
Sein Grinsen verwandelte sich in ein Lachen. Kein Spöttisches oder gar Abwertendes- Nein, einfach ein Lachen von Herzen. Dann sagte er zu ihr: „Sie sind sehr süß, wenn Sie wütend sind.“
Tanja ließ das Buch sinken und sah direkt in seine Augen, unfähig, etwas zu erwidern.
Ian indessen kramte eine Zeitung hervor und vertiefte sich darin.

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Nach einer knappen Stunde setzte der Flieger auf dem Dubliner Airport auf.
Wer das erste Mal nach Irland kommt, fühlt sich unweigerlich in die Zeit von Märchen zurück versetzt. Irland ist wie eine verwunschene Zauberlandschaft mitten im Atlantik, durchzogen von idyllischen Flüssen, weiten natur belassenen Küsten und grünen Wiesen.
Weiße Häuser und graue Ruinen wechseln sich ab und Massentourismus war hier offensichtlich ein Fremdwort.
Die Häuser in Dublin waren überwiegend grau und die auffällig bunten Türen, die ein Markenzeichen von Dublin sind, bildeten einen starken Kontrast.
Die Autos fahren alle auf der rechten Seite und auf dem Asphalt weisen gemalte SLOW-Schriftzüge die ungeübten Linksfahrer darauf hin. Durch den Rechtsverkehr auf den Strassen besteht eine große Verirrungsgefahr, da man gefühlsmäßig ja in die verkehrte Richtung fährt.
Ian hatte natürlich aufgepasst, dass er Tanja auf dem Airport nicht aus den Augen verlor. Brav stellte er sich neben Tanja, um seine und ihre Koffer in Empfang zu nehmen. Sogar einen Wagen hatte er organisiert, mit dem sie ihre Koffer zum Taxi transportieren konnten. Das Taxi setzte Tanja an ihrem Hotel ab, in dem sie bis zur Weiterfahrt am nächsten Tag untergebracht war.
Ian hatte ihr auf der Fahrt zum Hotel die Erlaubnis abgebettelt, ihr Dublin zeigen zu dürfen, obwohl abgebettelt nicht das richtige Wort war. Er hatte sie so gefragt, dass ihr eigentlich keine andere Wahl blieb.
Doch Tanja hatte gern zugesagt. Sie freute sich auf die Stadt und Ian strahlte ein gewisses Vertrauen aus.
Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, mochte sie ihn. Und doch reagierte sie bisweilen ihm gegenüber ziemlich schroff, doch damit versuchte sie nur, ihre eigene Unsicherheit zu verbergen.

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Das Zimmer, in dem Tanja von Dr. Sweeny untergebracht war, entpuppte sich als eine ganze Wohnung, oder wie man neuerdings sagte, als ein Appartement. Es gab ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein Bad, dass so groß war, wie ihre gesamte Wohnung. Die Einrichtung war sehr luxuriös und erschreckte sie im ersten Moment ein wenig. Tanja war das alles ja nicht gewöhnt und kam sich ein wenig verloren vor.
Aber dann beschloss sie, erst einmal ein Bad zu nehmen und kurze Zeit später lag sie im warmen Wasser eingehüllt in die exotischen Düfte des Schaumbades.
Etwa eine Stunde später fuhr sie dann mit dem gläsernen Lift, der an einer Außenwand des Hotels angebaut war und somit den Blick sowohl in das Gebäude, als auch nach draußen freigab. Tanja war fasziniert von dem Ausblick, den sie von dem Lift aus über die Stadt hatte.

Ian erwies sich als prächtiger Fremdenführer. Zuerst zeigte er ihr den Marktplatz an der Moore Street und dann die Talbot Street, in der man sich eigene private Zeitungen mitten auf der Strasse drucken lassen konnte. Fasziniert lauschte sie den Straßenmusikanten, die traditionelle Folkmusik spielten. Später führte er sie auf die Half Penny Bridge. Plötzlich lief er mitten auf die Fahrbahn, breitete seine Arme aus und rief: „Die Half Penny Bridge, meine schöne junge Dame, ist ein Meisterwerk der britischen Ingenieurskunst. Sie heißt eigentlich Liffey Bridge, wurde aber wegen der Maut, die die Leute früher hier zahlen mussten, bald nur noch Half Penny Bridge genannt.“
Lachend zog Tanja ihn von der Fahrbahn, auf der inzwischen mehrere Autos stehen geblieben waren und deren Fahrer ärgerlich hupten. Scheinbar widerwillig ließ er sich von ihr fortziehen und legte dabei wie zufällig seinen Arm um ihre Schultern.
Tanja ließ es geschehen und so steuerten sie gemeinsam auf das Trinity College zu.
Tanja war wie verzaubert von dem Gebäude aus dem sechzehnten Jahrhundert, in dem schon Jonathan Swift studiert hatte, und in dessen Innern sich der sechzig Meter lange Long Room befand, der die schönsten frühchristlichen Handschriften Irlands beherbergte. Sie war so überwältigt, dass sie rings um sich her alles vergaß. Langsam ging sie von einem Regal zum anderen und war völlig in ihren Gedanken versunken.
Ian unterbrach sie nicht. Still stand er neben der Tür und beobachtete sie mit einem warmen Lächeln im Gesicht.

Tanja war überwältigt von den Eindrücken dieses Tages. Es war doch etwas ganz anderes, die Welt nur aus Büchern zu kennen oder sie mit den eigenen Augen zu sehen und mit den eigenen Händen zu fühlen.
Tanja nippte an ihrem Glas Guinnessbier, das sie unbedingt probieren wollte und sah Ian an.
„Vielen Dank für den heutigen Tag.“
„Ich danke Ihnen“, entgegnete er.
„Ich bin schon so oft in dieser Stadt gewesen, aber heute ist mir, als ob ich sie noch einmal neu entdeckt habe.“
Mit einem Lächeln im Gesicht sah er ihr in die Augen, hob dann sein Glas und prostete ihr zu.
„Möge das Leben noch viele solcher Momente für uns bereithalten.“
„Vielleicht. Wer kann das schon wissen.“
„Werden wir uns wieder sehen?“
Ians hatte sich weit über den Tisch gebeugt und sein Gesicht war dicht vor dem ihren.
Er hatte ihre Hand ergriffen und seine Augen hielten ihren Blick fest.
Sie konnte seinen Atem auf ihrer Wange spüren und am liebsten hätte sie geschrieen: „Ja, bleib bei mir“.
Andererseits kannte sie ihn gerade einmal vierundzwanzig Stunden.

Sanft entzog sie ihm ihre Hand und sagte: „Das wird die Zeit entscheiden“.
Später, als sie auf dem Weg ins Hotel waren, saßen sie schweigend im Taxi.
Als sie sich vor dem Hotel verabschiedeten, küsste sie ihn flüchtig auf die Wange und verschwand durch die Tür ins Hotel, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Lange nachdem sie seinen Blicken entschwunden war, drehte er sich um und winkte nach einem Taxi.