Zwischen den Seiten

Da war ein Wort. Nur ein einziges. Es riss mich aus meiner Lethargie und verschwamm vor meinen Augen. Es tanzte mit den Farben eines Covers vor meinem Blick, der auf den riesigen Bücherregalen der Buchhandlung hängen geblieben war.

Ich war eher ziellos durch das Einkaufscenter geschlendert, mal hier, mal dort stehen geblieben um Dinge anzuschauen, die ich nicht wirklich anschaute. Irgendwann stand ich hier in der Buchhandlung, obwohl ich nicht die Absicht hatte, mir ein neues Buch zu kaufen. Ich konnte nicht einmal erklären, wann und wie ich durch die Türen gegangen war. Es war unbewusst einfach passiert. Als ob mich eines der Bücher gerufen hätte, flüsternd, eindringlich, kein Ignorieren akzeptierend.

Die typischen Centergeräusche von klappernden Einkaufswagen, schwatzenden Menschen oder plappernden Kindern verschwanden unbemerkt und der Duft gelblich-weißen Papiers, das lockend knisterte nahm mich gefangen. Mein Blick konzentrierte sich nur auf ein einziges Wort. Ein Wort unter Tausenden, die in unzähligen Schriften und Größen auf roten, blauen, gelben oder schwarzen Buchdeckeln prangten. Ein Wort, das mich hypnotisierte. Ich griff in das Regal und zog ein Buch heraus. Das Cover war blau und brannte mit einer Intensität in meinen Augen, die einen etwaigen Gedanken an das Zurückstellen des Buches völlig verdrängte. Ich merkte, wie meine Hände zitterten als ich den Deckel aufschlug.

Das Wort zischte mich an. Sanft, doch fordernd sah es mich an, behielt meinen Blick fest auf seinen Buchstaben gefangen und plötzlich befand ich mich in einem Sog. Ein anfangs leichter Windhauch umspielte mich, hüllte mich ein und erwuchs zum Wind, in dessen Wirbelungen ich emportrieb. Tanzende Buchstaben hüllten mich ein, trugen mich fort in ein Meer aus Farben, in ein Land aus unglaublichen Geräuschen, immer passend zu den Buchstaben und Farben. Das Wort hatte von mir Besitz ergriffen. Freudig blinzelte es der blauen Farbe auf dem Cover zu und drehte sich tausend Mal in der Sekunde um seine eigene Achse. Dabei spie es Buchstaben über Buchstaben aus sich heraus, tauchte es ein in die vielen bunten Farben und beträufelte sie in exakt passender Menge mit verschiedenen Tönen und Melodien.

Als ich aufsah, saß ich in einem der Sessel, die in der Ecke der Buchhandlung als Gruppe drapiert standen. Wie ich hier her gekommen war konnte ich nicht sagen. Ich hielt das Buch in meiner Hand und meine Augen gierten förmlich auf das erste Wort des neuen Satzes einer folgenden Seite. Ich sah nicht die Menschen in der Buchhandlung, die kamen und gingen, hörte nicht das Getrappel des Kundenfüße oder das Rascheln der sich umblätternden Buchseiten.

Weit unter mir lag die Erde. Ich überflog sie und ergötzte mich an der grün-blauen Farbe des Meeres unter mir, unterbrochen von den weißen Silhouetten der Delfine, die unter der Wasseroberflächen schwammen und hier und da einen Sprung über den Meeresspiegel taten. Dann sprang ich mitten in eine der Wattewolken, die meinen Flug begleiteten, warf mich lang hin und drehte mich auf den Rücken. Über mir strahlte der Himmel in einem Blau, wie ich es vorher nie gesehen hatte. Weit voraus lachte die Sonne in herrlich rotgoldgelben Strahlen und rief nach mir. Ich erhob mich wieder und mit einem Satz sprang ich aus der Wolke in den freien Fall. Mit ausgestreckten Armen sauste mein Körper in Richtung Erde. Von jeglicher Angst befreit setzte ich kurze Zeit auf dem Boden auf. Die hellen Farben wurden plötzlich schwarz und das Strahlen der Sonne war schlagartig verschwunden. Aus den seichten Melodien wurden Angst einflößende Geräusche. Die Buchstaben wuchsen auf das zehnfache meiner Körpergröße an vereinten sich zu bedrohlichen Worten und schnappten nach mir mit ihren Zähnen, wollten mich ergreifen mit riesigen Klauen. Ich versteckte mich hinter ein paar Bäumen, die gerade dort standen und überlegte fieberhaft, wie ich den gefährlichen Wörtern entfliehen könnte.

Jemand tippte mir auf die Schulter, hielt mir gleichzeitig mit seiner Hand den Mund zu und mein Schrei erstickte in einer fremden Hand. Ein bärtiger Mann in einem Bärenfell drehte mich zu sich herum, die Hand immer noch auf meinem Mund. Mit der anderen Hand bedeute er mir, leise zu sein und gab meinen Mund im selben Augenblick wieder frei. Ich sah mich um, befand mich am Rande eines Waldes mit Blick über eine Wiese hin zu einer trutzigen Burg. Der Bärtige erklärte mir, dort lebten die Feinde des Volkes, die es zu vernichten galt. Wir pirschten uns vorsichtig durch die Dämmerung und erklommen die Mauern. Wie daher gezaubert nahm ich plötzlich Hunderte von Mitstreitern wahr, die links und rechts von uns ebenfalls die Mauern erklommen. In meiner Hand hielt ich ein Schwert. Wie ich zu ihm kam, weiß ich nicht und es war auch nicht wichtig. Kurze Zeit später steckten wir mitten drin in einer Schlacht.

Wieder tippte mir jemand auf die Schulter. Ich duckte mich instinktiv vor dem Angreifer, bereit, mit meinem Schwert zuschlagen zu können. Doch in der Hand hielt ich ein Buch, vor mir stand eine Frau in blauem Rock und weißer Bluse. Weit aus der Ferne drangen ihre Worte an mein Ohr: Wir schließen in Kürze.

Der Weg in die Realität war länger als ich dachte. Von allen Seiten strömten bunte Worte auf mich zu, die ich gelesen hatte, die ich allein mit meiner Fantasie zum Leben erweckt und die ich aus den engen Buchdeckeln befreit hatte, Worte in allen Farben des Regenbogens, tanzend zu mal sanften, mal hektisch rockenden Melodien. Worte, die badeten in allen verschiedenen Geräuschen die ich mir kurze Zeit vorher vorgestellt hatte. Das Buch zitterte in meiner Hand, die Seiten blätterten ununterbrochen von vorn nach hinten und wieder zurück, jedes Mal schneller als vorher, verschlangen jedes gelesene Wort.
Plötzlich klappte das Buch in meiner Hand zu.

Es war nicht das Buch, das in meiner Hand zitterte, es war meine Hand selbst. Meine Umgebung, eben noch schwarz-weiß, gewann langsam wieder an Farbe. Fest umklammerte ich das Buch und machte mich auf den Weg zur Kasse, allein besessen von dem Gedanken, so schnell wie möglich den Heimweg anzutreten, um noch einmal in die Welt zwischen diesen beiden Buchdeckeln einzutauchen …