...Und unter Wasser atmen kann ich auch

Es regnete, als ich dieses Licht zum ersten Mal sah.
Grün wie Smaragde, die vom Sonnenlicht zum Strahlen
gebracht wurden.
Hell wie die Sonne selbst und durch das Wasser gebrochen,
brannte sich sein Anblick für immer auf meine Seele.
Dabei hatte ich mich doch so gesträubt, das warme Innere zu
verlassen. Doch die Kraft war unbeschreiblich, viel stärker,
als mein kleiner Körper und viel stärker, als das mein Geist
hätte mental verhindern können, was mit mir hier passierte.
Doch dann war da dieses Licht und in der gleichen Sekunde
vergaß ich alles um mich herum. Nur das Licht war wichtig.
Dieses gleißende, in grünen Farbtönen tanzende Licht, das
mich einhüllte und mich in meine neue Welt zog – in die
Welt des Lebens.
Die Jahre vergingen und je älter ich wurde, desto stärker
wuchs in mir das Gefühl, ich wäre nicht dort, wo ich sein
sollte. Ich konnte es nicht beschreiben und wahrscheinlich
war es mir deshalb die ganzen Jahre nicht klar gewesen.
Vielleicht verdrängte ich aber auch nur den Gedanken daran,
anders zu sein als die Anderen. Anders als meine Freunde
Andy und Karl. Anders, als mein Bruder und vor allem ganz
anders, als meine Eltern. Sicher, ich ging zur Schule wie
jeder Teenager in meinem Alter. Ich war nicht besonders gut,
aber schlecht auch nicht gerade. Wie jedem Schüler flog mir
manches einfach zu, während ich in manchen Fächern schier
verzweifelte.
Meine Lieblingsfächer waren Biologie, Geographie und
teilweise der Physikunterricht. Mit Englisch und Mathematik
hatte ich so gut wie nichts am Hut und es kam mehr als
einmal vor, dass ich die Zeit, in der diese Stunden abgehalten
wurden, einfach unten am Fluss verbrachte.
Unzählige Aussprachen, Verbote und Stubenarrest hatten
nicht im Geringsten dazu beitragen können, mein Verhalten
zu ändern. Es war eine innere Macht, die mich zwang, statt
auf der Schulbank Vokabeln zu pauken, mich lieber am Fluss
mit den Wellen zu unterhalten. Ich fuhr dann mit dem kleinen
Ruderboot bis in die Mitte des Wassers hinaus und lauschte
der sanften Stimme aus der Tiefe.
Hier auf dem Wasser, dem Ort, der nicht zum Himmel und
nicht zur Erde gehörte, fühlte ich mich frei und verstanden.
Hier fand ich Sam. Sam verstand mich und ich verstand Sam.
Ich habe mich später so manches Mal gefragt, ob ich ihn
wirklich fand, oder ob er nicht eigentlich mich gefunden hat.
Vielleicht hatte er mich ja auch gesucht …
Sam wartete schon am Ufer. Ungeduldig spielte er mit den
Wellen am Ufer, die energisch den Sand auf ihrem Weg
zurück in den Fluss mitnahmen, obwohl sie genau wussten,
dass sie ihn unterwegs wieder verlieren würden. Doch sie
taten es trotzdem. Wieder und immer wieder. Dann sah Sam
mich. Achtlos überließ er die Wellen ihrem endlosen Spiel
und flog auf mich zu. Unmerklich drängte er mich zum Boot
und, als wäre es mein Wille gewesen, stieg ich ein, tauchte
die Ruder in das türkisfarbene Wasser und brachte das
hölzerne Fahrzeug in die Mitte des Flusses. Mit sanften,
unmerklichen Bewegungen drehte sich das Boot in der
Strömung, mal hier hin, mal dorthin. Sam begann zu
erzählen. Unermüdlich schwärmte er mir vor, wie schön der
Fluss unter der Wasseroberfläche wäre. Wie still sich die
Welt im Tanz mit den grünen, blauen und türkisen Farben in
den gebrochenen Strahlen der Sonne drehte. Er schwärmte
von geheimnisvollen Orten und von seltsamen Gestalten am
Flussgrund und wurde nicht müde, mir Geschichten zu
erzählen von ihrem Leben, dem Leben unter dem grüngrauen
Mantel aus Wasser.
Ich hatte ihm versprochen, mit ihm auf die Reise zu gehen,
auf eine Reise in Sams Welt, an die ich nicht wirklich
glaubte. Und doch konnte ich mich der Neugier auf diese
fremde Welt unter dem Wasserspiegel nicht gänzlich
entziehen. Das Wasser rumpelte an den Bootswänden,
während ich es quer zur Strömung in die Mitte des Flusses
brachte. Die Sonne schickte mir ihre Strahlen hinterher und
versprach stumm, meinen Weg zu beleuchten.
Ich zog die Ruder ins Boot hinein.
Mit einem stummen Nicken forderte Sam mich auf, ins
Wasser zu springen.
Ich zögerte noch. Es war September, fast schon Oktober und
obwohl die Sonne noch viel Kraft hatte, war das Wasser kalt.
Doch Sam lachte nur. Ehe ich mich versah, war er schon im
Wasser. In gleichmäßigen Zügen schwamm er um das Boot
herum, bis es sich im Kreise drehte. Dabei sah er mich
ununterbrochen an. Er lächelte und dieses Lächeln sagte:
„Komm zu mir in das Wasser.“
Ich zog meine Jeans und das T-Shirt aus und setzte mich auf
den Rand des Bootes, tauchte die Füße in das Wasser und sah
zu, wie sich blaugrüne Schatten des Wassers auf meine helle
Haut legten und an meinen Füßen leckten.
Plötzlich tauchte Sam an meinen Füßen auf, packte sie und
zog mich vom Boot herunter in das Wasser. Es war wärmer,
als ich vermutet hatte. Eine Weile schwammen wir
schweigend um das Boot herum.
„Tauch mit mir!“
Ich blickte zu Sam hinüber, dachte, ich hätte mich verhört.
„Hier?“
Man konnte nicht einmal den Grund sehen, so trüb war das
Wasser.
„Vertrau mir! Ich passe auf dich auf.“
Dann zog er mich an den Armen hinab unter die
Wasseroberfläche. Widerstrebend ließ ich mich darauf ein.
Zehn Sekunden. Zwanzig Sekunden. Eine halbe Minute. Ich
spürte, wie mir die Luft knapp wurde. Unruhe erfasste mich
und ich versuchte, zurück an die Oberfläche zu kommen.
Doch Sam hielt mich fest. Mit eiserner Hand zog er mich
tiefer nach unten. Ich konnte sein Gesicht dicht vor meinem
sehen, trotz des trüben grünen Wassers. Seine Augen waren
weit geöffnet, wie meine auch.
„Vertrau mir!“, riefen sie mir zu.
Panik machte sich in mir breit. Ich strampelte mit meinen
Beinen, versuchte, mich aus dem Klammergriff Sams zu
befreien. Er lachte nur, ließ mich aber nicht los.
Luftblasen quollen aus meinem Mund und aus meiner Nase.
Dann spürte ich den Flussgrund unter meinen Füßen.
Das Wasser um uns herum erschien mir heller und wärmer
als dort oben, wo sich jetzt über unseren Köpfen der Schatten
des Bootes im Kreis drehte. Einige Strahlen schafften es in
die Tiefe des Flusses und erzeugten dadurch ein
merkwürdiges grünblaues Licht. Ich vergaß, dass ich nicht
mehr atmen konnte. Dann entwich auch die letzte Luft aus
meinem Körper. Wir spazieren auf dem Grund des Flusses.
Um mich herum waren nur die Fische, die mich neugierig
ansahen und dann schnell das Weite suchten, wenn ich meine
Hände nach ihnen ausstreckte. An meinen Füßen spürte ich
Pflanzen und Steine.
Dann war es vorbei.
Eine Kraft zog mich fort vom Flussgrund, hinauf, dem
grünblauem Licht entgegen, das von Sekunde zu Sekunde
heller wurde. Kurze Zeit später tauchte ich auf. Genau neben
dem Boot. Neben mir im Wasser schwamm Sam. Er stemmte
mich hoch, bis ich den Rand des Bootes greifen konnte. Ich
zog mich hinein und blieb reglos liegen. Die Sonne wärmte
mein Gesicht und ich merkte nicht, wie ich das Bewusstsein
verlor.
Als ich die Augen aufschlug, war Sam verschwunden. Das
Boot lag vertäut am Ufer und es war schon dämmrig. Mir war
kalt. Ich zog mir das T-Shirt über den Kopf und zwängte
mich in meine Jeans. Dann lief ich nach Hause. Ich nahm die
hintere Tür zum Wirtschaftsraum und schlich mich die
Treppe hinauf in mein Zimmer.
Ich duschte und kletterte nackt und nass in mein Bett.
Ich hatte das Gefühl zurück, das ich schon als Kind mochte.
Das Gefühl, von dem bis heute nur eine schwache Erinnerung
noch tief in mir gelebt hatte. Das Gefühl, ich wäre eins mit
dem Wasser. Mehr noch, mein Leben wäre wie Wasser.
Wasser im Fluss, unaufhörlich fließend auf dem Weg zum
Meer.
Ich spürte nicht das Lächeln auf meinem Gesicht. Ich war fast
schon eingeschlafen. Ich sah auch nicht das Lächeln über
meinem Gesicht. Sams Lächeln.
Durch die Tür konnte ich die Stimme meiner Mutter hören.
Wie sanfte Wellen am Ufer drang ihre Stimme die Treppe
herauf, in mein Zimmer bis in meine Ohren.
Wie von Ferne hörte ich sie. Erst unbewusst, dann immer
deutlicher.
Ich schlug die Augen auf. An der Wand spielte das Licht, das
sich vom Wasser des Pools vor dem Fenster an ihr
reflektierte mit ein paar einzelnen Strahlen der Sonne.
Ich fühlte mich zerschlagen und die Dusche brachte keine
nennenswerte Besserung.
Aus dem Schrank kramte ich irgendein T-Shirt und eine
Jeans. Dann lief ich in die Küche hinunter, in der meine
Mutter schon mit dem Frühstück wartete.
Als ich die Küche betrat, sah sie mich merkwürdig still an.
Auf ihrer Stirn stand eine steile Sorgenfalte.
„Ist wohl spät geworden, gestern?“
„Hm.“
Ich drehte ihr den Rücken zu und holte mir eine Tasse aus
dem Schrank.
„Wo warst Du?“
„Am Fluss.“
„Allein?“
„Mit Sam.“
Dann schwieg sie wieder. Ich konnte spüren, wie sie mich
von der Seite ansah, aber sie sprach kein Wort.
Ich sah zur Uhr. Fast Acht.
„Ich muss los, sonst verpasse ich den Bus.“
Ich wusste, meine Mutter hätte zu gern gewusst, was mit mir
los war. Aber ich konnte es ihr nicht erklären. Ich wusste es
selber nicht.
Wie soll man jemanden etwas erklären, das man selber nicht
versteht.
Andererseits fragte sie mich niemals direkt danach. Ab und
an stellte sie eine kurze Frage. Meistens sah sie mich aber
nachdenklich an und wenn ich Sam erwähnte, erschien eine
Sorgenfalte auf ihrer Stirn.
Vater hatte es schon lange aufgegeben mich zu fragen. Er
mochte es nicht, wenn ich mich stundenlang am Fluss
herumtrieb. Er verstand nicht, was mich am Wasser so sehr
faszinierte und er konnte Sam nicht leiden. Jedes Mal, wenn
ich Sam erwähnte, versteinerte sich sein Gesicht und
manchmal sah er gequält und einsam aus. Dann sah er in das
Gesicht meiner Mutter, die meistens nur hilflos mit den
Schultern zuckte.
Als ich um die Ecke bog, fuhr der Bus gerade an. Ich machte
nicht einmal den Versuch, ihn einzuholen. An der Haltestelle
ließ ich mich auf die kleine Holzbank fallen, auf der jeder
Teenager des Ortes scheinbar seine Initialen eingeritzt hatte.
Ohne wirklich wahrzunehmen, was da alles stand, schweifte
mein Blick über die Kritzeleien. Am Rand der Bank war ein
Spruch eingeritzt, der mir aus irgendeinem Grund im
Gedächtnis blieb.
„Erwachsen bist du erst im Meer.“
Erwachsenwerden. Wie wird man erwachsen? Wann ist man
erwachsen?
Plötzlich stand Sam vor mir.
„Kommst Du mit zum Fluss?“
Er erschien in keiner Weise erstaunt darüber, dass ich nicht in
der Schule war.
„Wir könnten auf dem Flussgrund spazieren gehen, wie
gestern …“
Er stand dicht vor mir. Die Herbstsonne ließ sein schwarzes
Haar irgendwie blaugrün leuchten. Es erinnerte mich an die
Algen im Fluss, an das blaugrüne Wasser, durch das die
Sonne versuchte, in die Tiefe zu dringen.
„Keine Lust.“
Das war nicht wahr. Ich wusste das und Sam wusste das
auch. Doch er ließ sich nichts anmerken.
„Wir könnten auch nur so am Ufer spazieren“, sagte er
schließlich.
Ohne ein Wort stand ich auf und wir gingen schweigend in
die Richtung, in der der Fluss lag.
„Der Junge geht fort.“
Mein Vater sah meine Mutter ausdruckslos an und ohne eine
Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: „Er ist wieder da.
Genau, wie bei uns.“
Sie sah ihn an.
„Du wirst es nicht verhindern können. Er wird nicht auf uns
hören. Alles, was wir ihm verbieten, wird ihn noch schneller
von uns lösen und dann wird er uns fremd werden, bis wir ihn
ganz verloren haben.
Wir können nichts tun. Nur abwarten. Er wird fort gehen,
doch er wird auch wieder zurückkommen. Allein. Ohne ihn.“
Sie wischte sich eine Träne aus den Augen. Zu gut wusste
sie, was ihre Familie erwartete. Zu genau war ihr der eigene
Weg allgegenwärtig.
Als ihr Sohn Sam das erste Mal erwähnte, hatte sie ihn sofort
wieder erkannt, auch, wenn er nun einen fremden Namen trug
und auch ihr Mann wusste schmerzlich genau, was Sams
Auftauchen bedeutete.
Wortlos nahmen sie sich in den Arm, um sich gegenseitig ein
wenig zu trösten.
Das Wasser hatte seine Farbe nicht geändert. Es war immer
noch blaugrün und versuchte immer noch, etwas vom
Ufersand mit sich zu ziehen. Es war, als würde es ein Spiel
spielen. Leise zischelnd schob eine der Wellen den Sand so
weit es ihr möglich war aus dem Wasser hinaus an das Ufer,
während die Folgende sich den Sand wieder zurück holte.
Neben mir lief Sam. Er hatte Socken und Schuhe ausgezogen
und sang ein Lied vor sich hin. Ab und zu lief er ein Stück
voraus, sah sich nach mir um und wartete, bis ich wieder
aufgeholt hatte. Dann tanzte er lachend um mich herum. Ich
bewunderte ihn. Sam hatte diese unkomplizierte einfach
gestrickte Art, die Welt anzusehen. Ihm war egal, was
morgen war – oder gestern. Heute war wichtig. An diesem
Tag kam mir das erste Mal zum Bewusstsein, dass ich nicht
einmal wusste, wo Sam wohnte.
Als ich ihn einmal danach fragte, sagte er nur, er wohne im
Fluss und reise in seiner Strömung zum Meer. Ich lachte über
seinen Scherz.
„Alle Flüsse münden irgendwann im Meer. Was tust Du,
wenn dieser Fluss im Meer angekommen ist?“
Er sah mich belustigt an.
„Ich suche eine neue Quelle und mache eine neue Reise.“
Unbekümmert hatte er die Worte gesagt und mich dabei
angesehen, als wäre es die selbstverständlichste Sache der
Welt.
Dann sagte er plötzlich zu mir: „Schwimm mit mir. Wir
reisen zum Meer.“
„Zum Meer …“
Ich wusste nicht, dass ich die Worte nicht nur gedacht hatte.
Zum Meer schwimmen. Aus eigener Kraft, nur von der
Strömung und den Wellen getragen. Das Angebot war
verlockend. Doch ein Rest von Bedenken hielt mich von der
Zustimmung ab.
„Du wirst nur das in Erinnerung behalten, was Du erlebt hast.
Von den Dingen, die Du nicht probiert hast, bleibt nur das
Gefühl zurück, Du hättest etwas verpasst.“
Ich wusste, Sam hatte Recht. Doch so einfach, wie Sam es
sich dachte, war es für mich nicht. Aber ich konnte es ebenso
wenig abstreiten, wie reizvoll es sein würde, meinem Gefühl
nachzugeben, nicht auf den Verstand zu hören. Auch erschien
mir es nur logisch, dass alle nicht getanen Dinge eines Tages
in Unzufriedenheit mit mir selber enden mussten, genau wie
ein Seitenarm des Flusses, der künstlich geschaffen worden
ist und an irgendeiner Stelle im Schilf endete. Von Fluss an
dieser Stelle konnte keine Rede mehr sein.
Sam stand noch immer vor mir. Abwartend. Erwartungsvoll
und mit leuchtenden Augen. Ich hatte das Gefühl, er wusste
längst, wie ich mich entschieden hatte.
Fröhlich ergriff er meine Hand und zog mich ins Wasser.
Immer tiefer, immer weiter, bis wir den Grund unter unseren
Füßen spürten und die Sonne nur noch schwach von oben
herab durch das Wasser schimmerte.
Sam hielt mich immer noch an den Händen. Die Angst vor
dem Ertrinken, die ich beim ersten Mal verspürte, stellte sich
nicht wieder ein. Auch erschien mir das Wasser wärmer, als
es in dieser Jahreszeit sein sollte.
Wortlos gingen wir auf dem Grund in Richtung der Strömung
spazieren. Sam würde derweil nicht müde, mir die vielen
Pflanzen und Tierarten, die hier unten ihr Zuhause hatten, zu
erklären, und ich?
Ich wurde nicht müde, ihm zuzuhören. Ich merkte wieder
einmal nicht, wie die Zeit verging, verschwendete nicht einen
Gedanken daran, jemand in meiner Familie könnte sich
Sorgen machen, weil ich immer noch nicht zu Hause war.
Ich fühlte mich wohl hier im Wasser, nahm die neuen
Eindrücke in mir auf. Mit meinen Augen verschlang ich die
unbekannte Schönheit unter der Wasseroberfläche und ich
roch tranige Gerüche.
In dieser Minute wusste ich, der Fluss war mein Leben und
um keinen Preis der Welt wollte ich zurück an den Ort, von
dem ich bis heute dachte, er wäre mein Zuhause. Ich
verdrängte jeden Gedanken an die Vergangenheit. Einzig der
Strömung des Flusses wollte ich folgen. Weit fort, in ein
neues Kapitel meines Lebens.
Mit einem allerletzten Zweifel sah ich Sam an. Doch der
lächelte mir aufmunternd zu und ergriff meine Hand. Dann
zog er mich sanft mit sich fort. Zurück blieben nur meine
Vergangenheit und der letzte Zweifel, auch wirklich das
Richtige zu tun.
Vier Tage suchten Polizei und Rettungsschwimmer nach
meiner Leiche im Fluss. Eltern, Freunde und Verwandte
suchten jedes Gebüsch, jeden Hof und jeden Keller nach mir
ab. Ohne Erfolg. Am fünften Tag stellten sie die Suche ein.
Es fiel meinen Eltern schwer, sich mit dieser Tatsache
abzufinden. Sie wollten einfach nicht glauben, dass ich
wirklich tot war. Nicht, solange sie mit eigenen Augen
meinen toten Körper gesehen hatten. Noch Monate später
drehte sich meine Mutter auf der Straße nach fremden Jungen
um, weil sie meinte, mich erkannt zu haben.
Von all dem merkte ich nicht das Geringste. Es war, als wäre
mein Gehirn ausgeschaltet. Alles, was meine Vergangenheit
anbetraf, verdrängte ich unbewusst. Ja, schlimmer noch, ich
vermisste sie nicht einmal. Es war, als wäre sie nie da
gewesen und mein Leben hätte erst hier, in diesem Fluss mit
dem blaugrünen Wasser begonnen. Ich lernte, wie man
schneller schwimmen konnte und wie man sich schlagartig
ruhig verhielt, wenn man von Feinden umgeben war und sich
nicht bemerkbar machen durfte. Ich lernte, mir mein Essen zu
organisieren und mich vor den Gefahren zu schützen, die von
den rotierenden Schiffsschrauben der Boote auf dem Fluss
ausgingen. Sam half mir dabei. Er hatte auf alles eine
Antwort, wusste immer eine Lösung, was für Probleme sich
auch immer vor uns auftaten.
Jeder Tag brachte uns einen neuen Spaß, neue Abenteuer und
neues Wissen. Am Tage gingen wir stromabwärts auf dem
Grund des Flusses entlang, am Abend schlugen wir in den
weichen Algenteppichen oder auch ab und zu am Flussufer
im Schilf unser Nachtlager auf. Das Leben war schön und
wie eine ewig währende Party. Sam hatte immer neue Ideen,
was man alles tun könne, damit uns nur die Zeit nicht lang
würde.
Ich ließ ihn gewähren. Es machte Spaß Sam an meiner Seite
zu haben und so bemerkte ich nicht einmal, wie ich mich
immer weiter von mir selber entfernte. Ohne es selbst zu
bemerken, hatte ich die Auffassungen, die Sam für die einzig
Richtigen hielt übernommen und mich lange schon nicht
mehr gefragt, ob er sich nicht auch in diesem oder jenem
geirrt haben könnte.
Es dauerte noch fast ein Jahr, bis ich mit Sam in Streit geriet.
Inzwischen war es mir nicht mehr möglich, mit ihm in all
seinen Meinungen überein zu stimmen.
Vielmehr bekam ich mehr und mehr das Gefühl, er würde
mich herumkommandieren und für seine Zwecke ausnutzen.
Wenn Sam zum Beispiel Hunger hatte, machte er mir klar,
wir müssten aus irgendeinem Grund von dem Ort fort, weil
woanders unsere Versorgung gesicherter wäre, und das auch
dann, wenn das offensichtlich überhaupt nicht notwendig
war. Wenn ich anfing, mit ihm darüber zu streiten, verkroch
er sich beleidigt in irgendwelchen Pflanzen, wühlte den Sand
und die Steine so heftig vom Grund auf, dass der Fluss an der
Oberfläche in starke Wellen geriet. Manchmal rief er sich
sogar den Wind zu Hilfe. In der ersten Zeit lenkte ich noch
um des Friedens Willen ein, doch auch das war irgendwann
vorbei.
An dem Tag, als ich Sam zum letzten Mal sah, stritten wir
uns heftiger, als je zuvor. Wütend brachte er den Fluss in
Wallung, schrie nach dem Wind und beschwor den Regen.
Dann riss er die Ruderboote los, die an den Stegen am Ufer
fest gemacht waren.
Doch ich war hart geblieben. Meine Erfahrungen und meine
Lebensweisheiten waren inzwischen genauso angewachsen
wie die von Sam. Wir waren gleich starke Partner und ich
nicht mehr sein Lehrling, den er nach Belieben manipulieren
und herum schubsen konnte.
Plötzlich war alles still.
Sam sah mich traurig an und schließlich sagte er: „Wir sind
am Ziel.“
Ich sah ihn fragend an und begriff nicht den Sinn seiner
Worte.
Seine plötzliche Traurigkeit machte mich betroffen.
„Der Fluss ist hier zu Ende. Er fließt hier in das Meer.“
Seine Worte fanden nur langsam den Weg in mein Gehirn.
Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, kam mir meine
Vergangenheit wieder in den Sinn, bruchstückhaft, aber
immer deutlicher.
Sam sah, wie die Gedanken sich hinter meiner Stirn
überstürzten.
Ein letztes Mal ergriff er meine Hände. Dabei sah er mir in
die Augen.
„Du hast nun den Fluss durchwandert. Du hast von ihm
gelernt und bist in ihm erwachsen geworden. Hier nun ist das
Meer und der Fluss hat sein Ende erreicht. Das Meer ist das
Leben, in dem Du deine erworbenen Kenntnisse beweisen
musst. Du brauchst mich nun nicht mehr.“
Tränen stürzten aus meinen Augen, als ich den Sinn der
Worte verarbeitet hatte.
„Sam!“
Ich bekam keinen weiteren Ton heraus. Nur seinen Namen.
Sams Namen, der sich mit meinen salzigen Tränen im
Flusswasser vermischte und dann fort gespült wurde ins
Meer.
Ein letztes leises Rauschen der Wellen wurde zu einem
Flüstern und Sams Stimme sagte: „Sei nicht traurig. Ich bin
auf dem Weg zu einer neuen Quelle, auf einer neuen Reise
zum Meer.“
Dann war er endgültig fort.

Nur einen halben Tag später entstieg ich dem Wasser an der
Stelle, an der der Fluss ins Meer mündete. Tiefblau und ruhig
lag es wie ein endloser Teppich vor mir. Am Horizont
verband es sich mit einem klaren blauen Himmel.
Meine Reise war hier zu Ende. Ich begriff den Sinn und
meine Vergangenheit war wieder gegenwärtig. Mit einem
letzten Blick auf die Weite des Meeres trat ich den Rückweg
an. Diesmal lief ich den ganzen Fluss stromaufwärts und
vermied es dem Wasser zu Nahe zu kommen. Wenn ich
nachts im Gras am Ufer noch wach lag, konnte ich die
Wellen flüstern hören und den Wind, der nach mir rief, um
mich zurück in das Wasser zu locken. Nur ab und an ließ ich
die Wellen ein wenig an meinen Füßen lecken und sah den
Algen zu, die meine helle Haut dabei mit einem grünen
Farbschimmer überzogen. Doch ganz zurück bekamen sie
mich nicht.
„Er ist wieder da.“
Schon von weitem hörte ich den Jubelschrei meiner Mutter.
Das Haus sah noch genauso aus, wie bei meinem Fortgehen,
und doch sah ich es mit anderen Augen.
Noch bevor ich die Haustür erreicht hatte, umarmten mich
meine Mutter, mein Vater und mein Bruder.
Während meine Eltern froh waren, dass Sam für immer fort
war, erzählte mir mein Bruder freudestrahlend von seinem
neuen Freund, den er am Fluss kennen gelernt hatte …





Diese Geschichte befindet sich in dem Buch "Das Schicksal trägt rote Schuhe".