Gedanken im Zug

Das aufgeschlagene Buch liegt auf meinen Knien.
Die Seiten zittern von den Vibrationen, in denen sich die UBahn
bewegt.
Ich habe noch nicht eine einzige Zeile gelesen, starre nur auf
die Seiten.
Auf der Bankreihe, mir schräg gegen über döst eine kleine
Frau.
Die Augen hat sie geschlossen und ihr Körper wiegt im Takt
mit dem Waggon.
Irgendwie schweifen meine Gedanken vom Buch ab.
Wer mag diese Frau sein?
Eine Fremde. Na, klar!
Aber wer könnte sie sein?
Sie ist schätzungsweise um die fünfzig und trägt alte
ausgewaschene, aber saubere Jeans. Ihre Füße stecken in
schwarzen Turnschuhen.
Für eine Frau ihres Alters ein eher ungewöhnliches Outfit.
An ihrer Hand, die fest ihre kleine schwarze Tasche
umklammert, kann ich einen weißen Hautstreifen an der
Stelle sehen, wo ich meinen Ehering trage.
Vielleicht hat sie gerade eine Scheidung hinter sich.
Über ihren geschlossenen Augen auf der Stirn hat sie eine
steile Falte.
Ihr Gesichtsausdruck macht einen müden Eindruck, aber
keinen gequälten.
Vielleicht fährt sie gerade zur Arbeit und nutzt die Dauer der
Fahrt dorthin, um ihren Gedanken nachzuhängen
Das mache ich auch ab und zu.
Meistens rutscht mir irgendwann das Buch von den Knien
und fällt mit lautem Knall auf den Boden.
Natürlich sehen dann alle anderen Fahrgäste zu mir herüber.
Es ist schon erstaunlich, was man alles aus Gesichtern
herauslesen kann.
Langsam zuckelt die U-Bahn aus dem Tunnel hinaus auf das
Hochbahnviadukt über der Schönhauser Allee.
Abteil für Abteil taucht das Tageslicht den Zug für einen
Augenblick in ein diffuses Zwielicht.
Die Frau gegenüber reckt unwillkürlich ihren Kopf in die
Höhe, als das Sonnenlicht auf ihr Gesicht fällt.
Fast unmerklich schleicht sich ein Lächeln in ihre
Mundwinkel.
Dann hält der Zug im Bahnhof, meiner Zielstation.
Ich stehe auf und mein Schatten fällt auf die Frau, versperrt
der Sonne ihren Weg auf ihr Gesicht.
Sie öffnet die Augen und schaut mich an.
Ich nicke ihr zu und lächele.
Sie lächelt zurück.
Dann steige ich aus.
Durch die Scheibe des Abteiles kann ich noch für eine
Sekunde ihr Gesicht erkennen.
Es ist nicht mehr müde. Die steile Falte auf ihrer Stirn ist weg
und sie lächelt immer noch.




Diese Geschichte befindet sich in dem Buch "Das Schicksal trägt rote Schuhe".