Das Schicksal trägt rote Schuhe

Schicksal ist das Zusammenwirken von Geschehnissen in unserem Alltag in Verbindung mit Personen, die mehr oder weniger zufällig in unser Leben involviert sind. Durch ihr Auftreten entwickelt sich eine Abfolge, die sich wie ein roter Faden durch unser ganzes Leben zieht. Dabei muss es sich nicht unbedingt um diesen sprichwörtlichen roten Faden handeln. Vielmehr nutzt das Schicksal, oder das, was wir als solches bezeichnen, markante Merkmale, mit deren Hilfe es sich uns in Erinnerung bringt.
In einem Falle ist das der rote Faden, in einem anderen sind es rote Schuhe.
Doch es könnte auch etwas ganz anderes sein. Egal, was es ist. Immer wird es gravierende Auswirkungen auf unser Leben haben oder das, was bis genau zu diesem Punkt unser Leben war, als das Schicksal uns besuchte.

Tauchen sie ein in die Geschichten, die das Leben schreibt und in dessen Verlauf allzu oft eine Veränderung der besonderen Art zurück bleibt.
Versinken Sie während einer Reise durch die menschlichen Empfindungen in die Entwicklung einer Gedankenwelt, die Sie so schnell nicht mehr loslässt.

 

Kleine Leseprobe

Ich hob die Schuhe auf und mein Blick suchte den dunklen Strand nach der Besitzerin ab.
Niemand war zu sehen.
Ich sah auf das Meer hinaus. Vielleicht war die Frau ja baden.
Aber mussten dann nicht auch ihre anderen Sachen bei den Schuhen liegen?
Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter, als ich meinen nächsten Gedanken dachte.
Sie wollte sich doch wohl nicht etwa umbringen?
Aufgeschreckt von meinem eigenen Gedanken lief ich ins Wasser und spähte angestrengt in die dunkle Weite.
Ich lief hin und her, rief und eine merkwürdige Art von Angst ergriff Besitz von mir, wuchs von einer Sekunde zur anderen.
Dann rannte ich wieder zum Strand hinauf, suchte in den Dünen nach der Frau. Vergeblich.
Ich lief wieder ins Wasser, stand schon bis zum Bauch darin, als ich plötzlich ein helles Bündel im Wasser schwimmen sah.
Ich stürzte in seine Richtung und bekam es zu fassen.
Es war eine bewusstlose Frau - die Frau.
Keuchend zog ich sie an den Strand zurück, schlug ihr vorsichtig, aber bestimmt ins Gesicht und hielt mein Ohr an ihren Mund.
Zum ersten Mal merkte ich bewusst, wie laut das Meer rauschte.
Ich achtete nicht weiter darauf und begann, ihrem leblosen Körper meinen Atem ein zu geben. Dann drückte ich mit dem Handballen in kurzen Stößen auf ihren Brustkorb.
Plötzlich bäumte sich ihr Körper auf, fing an zu zucken. Sie öffnete ihre Augen und spuckte in einem Hustenanfall das Meerwasser aus ihrem Körper.
Erschöpft ließ ich mich neben ihr in den Sand fallen.
Die Frau fing an zu weinen, fragte mich, warum ich sie nicht habe sterben lassen.
Ich versuchte, sie zu beruhigen, was mir nach einer Weile auch scheinbar gelang.
Ich zog meine nasse Strickjacke aus und legte sie ihr um die Schultern.
Dann half ich ihr beim Aufstehen.
Während wir zum Ort weitergingen, fragte ich sie vorsichtig aus und sie erzählte mir, dass heute der Tag ihrer Hochzeit gewesen wäre, aber ihr Verlobter sich plötzlich für eine andere Frau entschieden hat.
Das konnte sie nicht ertragen und deshalb sei sie ins Wasser gegangen.
Ich tröstete sie so gut es ging und bekam nach einer Weile ihren Namen und ihre Adresse heraus.
Aber sie wollte nicht nach Hause und fing wieder zu weinen an.
Ich überlegte nicht lange und nahm sie mit auf mein Zimmer.
Sie lag kaum im Bett, da war sie auch schon eingeschlafen, während ich mir mein Nachtlager auf dem Sofa einrichtete.
Am nächsten Tag weckte mich der strahlende Sonnenschein auf.
Langsam fiel mir meine Strandbekanntschaft von gestern Abend wieder ein.
Leise stand ich auf, duschte und zog mich an.
Als die Wirtin mir das Frühstück gebracht hatte, klopfte ich an ihre Tür.
Aber keine Antwort und auch sonst kein Geräusch waren aus dem Zimmer zu hören.
Ich klopfte noch zwei weitere Male, ehe ich zaghaft die Tür öffnete.
Das Bett war leer, das Fenster offen und sie war weg.
Einzig ein Brief lag auf dem Nachttisch, in dem sie sich entschuldigte und mich um Verzeihung bat.
Ich kannte ihren Namen und ihre Adresse und nahm mir vor, sie nach dem Frühstück zu besuchen.
Wenigstens wollte ich sehen, ob es ihr wieder gut ging.
Eine Stunde später war es, als die Wirtin mir berichtete, man hätte eine tote Frau aus dem Meer gezogen und ihre roten Schuhe am Strand gefunden.